Herr Graf Adelbert Wyschnewsky

Herr Graf Adelbert Wyschnewsky; erster Stock links (14:00-16:00)

Hinter den dicht gewebten Gardinen in der Wohnung im ersten Stock stand ein älterer Mann einer schmächtigen Statur und schaute auf die Straße. Von seiner Position konnte er nur einen kleinen Ausschnitt vor dem Haus sehen, da eine Birke den größten Teil des Ausblicks dominierte.

Die zarten Lichtreflexe und die Vielfalt der Farben, blieben seinem Bewusstsein verborgen. Hätte man ihn gefragt, was das für ein Baum ist, würde er wahrscheinlich nur abschätzig „ein Baum“ sagen können. Es gab hier aber keinen Menschen der ihn diese Frage stellen könnte.

Seine Haltung war kerzengerade, vielleicht sogar steif. Die Arme hingen senkrecht, dem Körper entlang nach unten. Die Hände waren sehr gepflegt, wiesen keine Anzeichen von körperlicher Arbeit dar. An dem Ringfinger der einen Hand, war ein breiter Ehering mit Gravur in einer Kursiv Schrift und auf dem Ringfinger der anderen Hand, ein großer Signet mit einem komplizierten, filigran ausgeschnittenem Muster auf schwarzem Hintergrund. Sein linkes Handgelenk wurde mit einer schweren Goldkette umschlossen. Im Raum herrschte eine unnatürliche Stille, die so tief war, dass man ein Insekt hätte summen hören. Alle Wände, die Decke und der Boden wurden sorgfältig mit schalldämmenden Materialien ausgekleidet, die jedes Geräusch verschluckten. Die Person schien nicht zu atmen, denn nichts an ihr zeugte von Bewegung. Allein die Ausstrahlung des Mannes verriet das er lebendig war. Seine Dominanz über den Raum war vollkommen. Die Haare tadellos geschnitten und nach hinten gekämmt zeigten erste Anzeichen des Alters. Hier und da schimmerten auch einige graue Strähnen durch. Sein Gesicht, lediglich zwanzig Zentimeter von der Gardine entfernt, war gräulich bleich, mit kleinen Falten verziert und, bis auf den Mund, verriet es keine Regung. Die Augäpfel mit feinen, roten Äderchen durchzogen, beherbergten graue Pupillen, die an schmutziges Eis erinnerten und an manchen Stellen dunklere und längliche Flecken enthielten, die senkrecht verliefen und auf dem Gesicht einen reptilienartigen Ausdruck erzeugten.

Die Lippen waren verzerrt in eine Grimasse, einen dünnen Spalt geöffnet, entblößten sie leicht gelbliche Zähne und verliehen dem Gesicht den Eindruck des Ekels. Die schmale Silhouette des Mannes wurde durch ein drei teiligen Wollanzug in einem gräulichen Ton umschlossen und zusammen mit seiner Unbeweglichkeit, erzeugte das die Erscheinung einer Granitskulptur. Trotz seiner fast zierlichen Statur wirkte er schwer, steinartig.

Herr Graf schaute runter auf den Mann, wie er ihn für sich selbst nannte, ungefährlichen Idioten, der mit langen Schritten und flatterndem Mantel den Fußweg entlang eilte. Aus für sich unersichtlichen Gründen musste er gerade an die Skizzen von Wilhelm Busch in einem Kinderbuch aus der Vergangenheit denken. Die langen Beine des Nachbarn, seine Statur und Bewegungen. Das alles empfand er einfach nur grotesk. Eine Karikatur eines Mannes, in echter Größe und in Farbe. Wie kann man so auf die Straße gehen? Fragte er sich selbst. Der Mensch da, hat doch keine Selbstachtung. Eine Unmöglichkeit. Ein abfälliges Schnaufen entglitt aus seinem Mund.

Die Vorstandsitzung dauerte heute kürzer als geplant. Man konnte sich nicht einigen, welche der bietenden Banken man in das neue Projekt mit involvieren mochte. Alle werteten mit fast identischen Konditionen auf. Als ob sich die Herrschaften abgesprochen hätten. Der Verdacht liegt nah. Wie auch immer, jetzt galt herauszufinden, welcher der Bänker loyaler ist, oder besser formuliert, leichter zu kontrollieren. Das war die Aufgabe von Herrn Müller, die Person für besondere Aufträge, die gewöhnlich solche Aufgaben innerhalb eine Woche erledigte. Das Geschäft wird stattfinden, denn man kann natürlich mit der Finanzierung auf die großen Häuser zugreifen. Da aber das Geschäft nicht ganz korrekt war, wollte man lieber auf einen Provinz Bankier aufbauen, der wäre dann leichter zu entsorgen. Eine Kartoffelbank kann man leichter fallen lassen wenn es heiß wird. Den unbedeutenden Kaufmann die mangelnde Kompetenz vorwerfen und mit einem neuen Provinz Möchtegern – groß ersetzen. An sich ist der ganze „Zirkus“ nur reiner Zeitvertreib, amüsant noch dazu. Das Geld, welches die Vorfahren bereits angehäuft haben schafft man nicht auszugeben. Aber darum geht es gar nicht. Man kann einfach nie genug haben. Außerdem wenn wir es nicht machen, machen es die anderen, und unterhaltsam ist es allemal. Eine Grimasse, die man bei guten Willen als ein Lächeln deuten könnte, huschte kurz über sein mageres Gesicht.

Er ist heute ein wenig früher in seinem Etablissement eingetroffen. Schuld sind die kleinen Leute, weil sie versuchen auf groß zu machen. „Ich hasse es zu warten“entwich seinen schmalen Lippen. Das lispelnde Geräusch verlor sich gleich in der Stille des Zimmers.

Die kleine Wohnung war die Idee seiner Frau. Die gnädige Gräfin wünschte nicht mehr, dass man ihn bei seinem „Konferieren“ womöglich beobachten konnte, und schlug vor, dass er sich was auf dem Land arrangierte. Dort könne er nach Belieben verkehren. Das Gesicht wahren ist alles. Der besagte Herr Müller orchestrierte alles Nötige, zur vollsten Zufriedenheit seines Herren.

Er, der älteste Sohn von vier Kindern, war von Anfang an seinen Pflichten nachgegangen. Schule, Studium, Praktiker im Familienkonzern. Dem Streben einer vorgegebenen Linie entlang, nach Macht, nach Mehrung der Besitztümer des Geschlechts. Die Ringe an seinen Fingern erinnerten ihn stets daran wer er war. Wem ist er bis ins Grab verpflichtet? In all den Jahren seines Lebens ist in seinem Kopf nicht einmal ein Schatten, eine Idee entstanden, dass es ein anderes Leben geben könnte. Sich den Wünschen seines Vaters zu verweigern, war nicht existent.

Der Herr Graf führte eine gute, langjährige Ehe. Selbstverständlich hatte er keinen Beischlaf mit Frau Gräfin mehr. Die Erbfolge wurde gesichert, einen anderen Zweck der Zusammenkunft war nicht ersichtlich. Die Ehegatten respektierten sich und hielten viel von einander. Man pflegte die Ehe standesgemäß und war nach Außen ein Vorbild für die Kinder und die Gesellschaft.

Es war eine gut durchdachte Abmachung der beiden Familien, die bereits in Kinderjahren von Adelbert, beschlossen wurde. Beide Familienhäuser profitieren bis heute von diesem Arrangement.

Die romantische Liebe ist eine Erfindung für die kleinen Leute, hat ihm mal seine Mutter gesagt. Eine Art Verblödung. Man muss die Massen mit etwas beschäftigen. Glaube und Hoffnung sind dazu hervorragend geeignet.

Er hat die Worte nie in Frage gestellt. Das ist falsch formuliert, denn der Adelbert wusste gar nicht, das es ein anderes Leben geben könnte, als das was er führte.

Natürlich gab es immer wieder Wünsche und Triebe die er befriedigen wollte, dafür war Herr Müller zuständig. Es gab immer einen Herrn Müller in der Nähe und es gab immer Arbeit für einen. Mal war es ein Bankier, den man besser kennenlernen wollte, mal war es eine junge Frau die diskret ohne viele Fragen in ärztliche Obhut musste. Gelegentlich waren es unerzogene Boys, die eine falsche Vorstellung über die Situation entwickelten. Herr Müller regelte alles immer zuverlässig, diskret, schnell, kompetent.

Er zog eine Kette mit einer goldenen Uhr aus der Westentasche und kontrollierte die Zeit.

Die Magdalena sollte um 14:30 in die Wohnung kommen, die Frau war immer pünktlich. Darauf legte er großen Wert, denn seine Zeit war kostbares Gut. Es ist gerade 14:15. Ein guter Moment um es anzufangen. Adelbert drückte einen Knopf neben dem Fensterbrett und in der ganzen Wohnung fuhren die Jalousien herunter. Gleichzeitig ging ein gedämpftes, indirektes Licht im Hauptzimmer an und tauchte alle Wände, Mobiliar und Gegenstände, die sich in der Wohnung befanden, in einen weichen Schein. Er drehte sich langsam über seine rechte Schulter und ging bedächtig durch das „Wohnzimmer“. Vorbei an einem schwarzen Andreaskreuz mit Schellen für Hand- und Fußgelenke. Wand entlang, an einem runden, drehbaren Tisch ohne Stühle, einem Bock mit eben solchen Schellen wie das Kreuz. Der schwarzen Kommode zu seinen Linken, mit diversen Utensilien, würdigte er keines Blickes. Alles Zeugen einer vergangenen Leidenschaft, die durch eine Übersättigung starb.

In dem kleinsten Zimmer der Wohnung war seine Garderobe eingerichtet. Mit einem Stuhl, einem Kleiderständer und eine Art Schminktisch, dessen Spiegel vollständig verdeckt war. Herr Graf mochte keine Spiegel mehr. Durch so ein Konstrukt aus Glas und Silber wurde eine junge Dame geworfen, wodurch Herr Müller viel Arbeit hatte, zum Missfallen der Frau Gräfin. Ein unglückliches Malheur. Herr Graf hatte aus Versehen bei einem seiner bizarren Spiele mit dem jungen Ding, ein Blick in den Spiegel geworfen, und war von seinem Aussehen und seinem Gesichtsausdruck dermaßen verstört, dass er sich nicht zurückhalten konnte. Am nächsten Tag wurden alle Spiegel aus der Wohnung entfernt und der hier war der Letzte, mit Jalousie eben, um nicht zufällig rein schauen zu können.

Herr Graf Wyschnewsky schloss leise die Tür der Garderobe hinter sich und stand einen Augenblick lang, reglos in der völligen Dunkelheit. Er nahm einen tiefen Atemzug und lies die Luft langsam aus seiner Lunge entweichen. Dann ging er langsam auf den Toilettentisch zu und machte eine kleine Leuchte an, die unter dem Tischblatt montiert worden war. Das schwache Licht reichte gerade noch, um sich in dem kleinen Zimmer zu recht zu finden. Alle darin befindlichen Gegenstände veränderten ihr Aussehen augenblicklich, als ob sie nicht mehr existent und nur die Schatten ihrer selbst übrig geblieben wären. Auf dem Tischchen stand eine kleine Schatulle mit einer Spieluhr darin. Er nahm sie behutsam in die Hände, und zog sie mit einem silbernen Schlüssel auf. Als er sie zurück auf den Tisch stellte, fing sie sogleich an zu ticken. Er streifte den Ehering von seinem Finger und legte ihn behutsam in eine kleinen Schale, die auf dem Tisch stand. Es folgten die antike Uhr aus seiner Westentasche und die goldene Kette vom Handgelenk. Sie alle gesellten sich zu dem Ring. Er öffnete sein Sakko und hing es behutsam auf den Kleiderständer, so auch seine Weste und das Hemd. Er schlüpfte aus seinen handgemachten italienischen Schuhen und stellte sie unter dem Sakko ab. Es verlangte von ihn seine ganze Kraft, sich der Kleidung zu entledigen. Er schwitzte wie bei einer harten, körperlichen Arbeit. Sobald er sich des Hemdes entledigt hatte, blieb er nach vorne gebeugt stehen und wirkte wie ein alter Baum, dem man die Stütze abgesägt hatte. Er atmete schwer und rang sichtlich nach Luft. Seine Anzughosen ließ er sehr langsam runter gleiten und faltete sie sorgfältig, um sie neben den anderen Teilen säuberlich aufzuhängen. In der vorgebeugten Haltung, in der Unterwäsche, stand ein alter gebrechlicher Adelbert, der fast nichts mit der Person, die in das Zimmer kam, gemeinsam hatte. Zögerte erneut, wog ab, ob die Kräfte reichen würden, um weiter zu machen und nach einem wiederholtem Seufzer, entkleidete er sich vollständig, stand da, sammelte Mut. Er wartete erneut einen Atemzug ab und noch einen. Zu allerletzt streifte er sich das Signet vom Finger und legte es vorsichtig zu den anderen Utensilien. Es blieb nichts von mächtigen, stolzen Adelsgeschlecht an dem Wesen, das da krumm nach vorne gebeugt in einem schattigen Raum stand.

Der Körper des Mannes wies fast keine Muskeln auf, lediglich ein paar Sehnen, die sich unter der grauen Haut bei jeder Bewegung spannten und entspannten. Als ob er sich an etwas erinnern würde, kam ein Schub Energie in ihn hinein und er bewegte sich Richtung Tür. Mit einem schleppenden Schritt verließ er das Zimmer, schloss leise die Tür hinter sich und ging durchs Hauptzimmer hin durch. Beim Vorbeigehen erlosch er fast alle Lichter, so dass es in der ganzen Wohnung düster wurde. Er bog in den mittleren Raum, den er heute noch nicht aufgesucht hatte und ging hinein.

Das Zimmer war dunkel und er machte keine Anstalten ein Licht anzuschalten. Die Einrichtung kannte er auswendig, denn außer einem normalen Bett stand hier nichts. Das Bett war säuberlich gemacht und die Bettwäsche roch frisch nach Waschmittel. Er lehnte die Türen leicht an und legte sich nackt unter die Decke, mit dem Rücken zu Tür. Er zog die Beine hoch und verharrte reglos in der embryonalen Haltung. Im gleichen Augenblick ging die Eingangstür leise auf und zu. Er war nicht mehr allein.

 

Magdalena war eine Mitte Vierzigerin Vollbusige, mit vielen Rundungen gesegnete Frau. Sie kam mit ihrem Ehemann vor zehn Jahren nach Deutschland und während der geschäftige Gatte auf den Baustellen als Subunternehmer einen Auftrag nach dem andern erledigte, blieb sie zu Hause und kümmerte sich um Kinder, Haushalt, Buchhaltung und ihren Ehemann. Fürs Lernen der deutschen Sprache blieb nicht viel Zeit und Kraft, es gab auch keinen Bedarf dazu. Alle sprachlichen Angelegenheiten erledigte ihr Ehegatte und die paar Wörter beim Einkaufen lernte sie schnell. Sie war eine fröhliche Seele und ging in ihre Mutterrolle voll auf. Das Leben mit Marek befriedigte sie voll und ganz und sie glaubte sich im Paradies zu befinden. Sie wohnten in einer Sozialwohnung, in der beider Kinder ihre Zimmer hatten. Sie fuhren ein gutes Auto und mussten sich keine Sorgen um Rechnungen machen, weil Marek gut verdiente. Ab und an ist sie Putzen gegangen, um die Haushaltskasse aufzubessern, mit dem Ziel, das Geld welches sie selber verdiente in die Urlaubskasse zu stecken. Sie liebte zu reisen. Vor allem die all inklusive Urlaube haben ihr angetan. Einfach nichts machen und ganze zwei Wochen am Strand oder am Pool zu verbringen, das war Erholung Pur für sie. Die Firma wuchs und irgendwann kamen Mitarbeiter und höhere Ansprüche des Gatten. Dabei ist Marek nicht nur in die Breite, sondern auch in seinem Ego gewachsen und hatte auf einmal eine andere Meinung, was ein gutes Leben ist. Irgendwann musste ein Mercedes her. Die Wohnung in der Sozialsiedlung ist auch zu klein für ihn geworden. Und die Magdalena war ihm plötzlich zu fröhlich, zu offen, einfach nicht mehr gesellschaftstauglich.

Der resolute Mann hat sich schnell umgeschaut, einen jüngeren Jahrgang geangelt und eines Tages mit seinen Koffern und dem Mercedes in ein Reihenhaus am Stadtrand gezogen. Die Kinder und die täglichen Sorgen durften bei Magdalena bleiben.

Die Welt brach für sie zusammen. Den Unterhalt hat der Schuft bezahlt, leider unregelmäßig und manchmal zu wenig. Aber Gott sei Dank hatte eine Freundin die Putzstelle bei Herrn Müller empfohlen. Die Stelle war gut bezahlt, man musste nur diskret sein, nicht viel reden und vor allem keine Fragen stellen. Sie hatte es angenommen, weil sie das Geld dringend brauchte. Von klein auf hatte sie gelernt keinem auf der Tasche zu liegen. Almosen brauchte sie nicht. Sie konnte immer arbeiten. Und so hat das auch hier angefangen.

Eines Tages während des Putzens ist Herr Müller erschienen, was sehr ungewöhnlich war, es hatte sich ein Gespräch entwickelt, das Magdalenas Leben diametral veränderte. Mit gebrochenem Deutsch hat sie ihm ihr Herz ausgeschüttet, wie ihr Leben aussieht und was für ein Schuft der Marek geworden ist. Sie fragte ihn, ob er nicht zufällig eine weitere Putzstelle zu besetzen hätte. Der nette Herr hörte geduldig, nickte verständnisvoll, hatte aber keine weitere Stelle. Stattdessen ein anderes, gut bezahltes, wenn auch ein wenig ungewöhnliches Angebot. Als er das sagte wurde Magdalena rot. Vorsichtig wie nur möglich, um die jetzige Stelle nicht zu verlieren, versuchte sie einen Rückzieher zu machen. Leider war Herr Müller ein guter Redner und ein noch besserer Verführer. Hat ihr in schöner und einfacher Sprache erklärt was sie zu machen und zu lassen hätte, und welch hohen Preis für diesen diskreten Dienst bereit ist zu bezahlen. Da war sie erst mal stumm. Bei der großen Summe die er nannte, fing sie leise zu weinen, weil die ganzen Sorgen plötzlich nicht mehr so groß schienten. Nach einer Woche Bedenkzeit hatte sie zugestimmt, aber nur probeweise und mit der Bedingung, dass sie jederzeit gehen kann. Herr Müller war damit einverstanden. Und so hat das angefangen.

Sie zog sich im Flur aus. Erst ihren Mantel und Schuhe und anschließend ihr einfaches Kleid, hängte alles säuberlich in der Garderobe auf. Nur mit einem Unterkleid aus Baumwolle und der Unterwäsche bekleidet, ging sie auf Zehenspitzen über den weichen Boden in Richtung des mittleren Zimmers. Vor der Tür blieb sie kurz stehen, atmete tief ein und ging in das dunkle Zimmer hinein.

Der Raum war wie immer vollkommen dunkel und es dauerte einen Augenblick bis sie die Umrisse von dem Bett erahnen konnte. Sie tastete die Kante des Bettes ab und fand den Saum der Decke, hob ihn leicht und schlüpfte darunter. Es war für sie erst die dritte Begegnung mit dem Mann im Bett und es erschreckte sie immer noch wie kalt sein Körper bei der ersten Berührung war. Sie kuschelte sich an ihn heran und spürte wie seine Haut auf ihre Hände reagierte. Ganz leicht tastete sie erst seiner Schulter, Oberarm und Hand, dann fuhr sie mit ihrer Berührung zurück zur Schulter und schob sich leicht an ihn heran. Er war sehr angespannt und wirkte wie eine Steinskulptur. Sie legte ihren Arm um ihn und beide verharrten in der Löffelchen-Stellung. Ihr Atem beruhigte sich schneller als letztes Mal und sie hatte fast gar keine Angst mehr vor dem alten Körper, den sie mit ihren Armen umschloss. Eine Intimität stellte sich ein, die allerdings keine Anzeichen von sexuellem Verlangen aufwies. Sie schloss ihre Augen und blieb ruhig atmend an dem Mann liegen.

Adelbert hörte wie Magdalena in das Apartment rein kam und dieser Umstand, wie jedes vorherige Male, bescherte ihm ein Anflug von Panik. Auf seinem ganzen Körper stellten sich die Härchen auf und er fror plötzlich. Unbewusst spannten sich alle seine Muskeln, sein ganzer Wille war darauf konzentriert nicht weg zu laufen. Die Angst beherrschte seine Gedanken. Er ballte die Fäuste und versteckte sie zwischen seinen Knien. Seine Kiefer waren schmerzhaft angespannt. Er horchte wie ein kleiner Nager, der einen Fuchs wittert.

Die Tür öffnete und schloss sich langsam, als sie in den Raum kam. Er wollte schreien und Vulgarismen schossen durch seine Gedanken. Es spürte wie sie die Decke vorsichtig hoch hob und darunter schlüpfte, als er ihren Körper an seinem Rücken spürte entstand in seinem Kopf auf einmal völlige Stille. Er war nicht mehr da. Es gab keinen Herrn Grafen mehr. Rundherum war eine stille ruhige Nacht, er war in Sicherheit, durfte fühlen, durfte sein, war wieder der kleine Adelbert im Schoße einer liebevollen Mutter, die er sich immer wünschte. Sein Körper, dem Geiste folgend, entspannte sich langsam und war wieder im Stande sich zu bewegen. Die Angst verflüchtigte sich und entschwand wie ein dünner Rauchfaden von einer erloschenen Kerze. Er sammelte langsam den Mut sich umzudrehen, es eilte nicht, die Zeit war in dem Moment nicht existent gewesen. Das Eis taute langsam auf und tropfte aus seinen Augen, er fing an zu weinen. Seine Schultern zitterten leicht, der Mut war gekommen, Adelbert hatte sich langsam umgedreht und sein weinendes Gesicht im Dekolletee der Frau versteckt. Seine Tränen flossen weiter und versickerten in dem weißen Unterkleid von Magdalena. Seine Arme, noch vor kurzem vor seinem Bauch gekreuzt und fest an ihn gepresst, entspannten sich langsam blieben aber an seinem Körper. Er wagte nicht die Frau mit seinen Händen zu berühren.

Magdalena streichelte ihm leicht erst über die Schulter und dann auch über seinen Kopf. Durch ihren Mutterinstinkt angeregt fing sie an leise zu singen. Es war ein Kinderlied in ihrer Muttersprache. Sie hat es früher von ihrer Mama gehört und später auch ihren Kindern vorgesungen. Die Schultern des Mannes zitterten. Er weinte und je länger er es tat, umso weicher wurde sein Körper. Er wurde ruhiger, atmete leichter und gleichmäßig. Die Tränen versickerten langsam, das kleine Liedchen war zu Ende, es wurde still. Beide Menschen blieben in der wortlosen Umarmung. Die heilsame Dunkelheit erfüllte den inneren und äußeren Raum.

 

Ein leises Lied kam aus dem Nebenzimmer. Das „Hänschen klein“ floss in die Welt, aus der kleinen Spieluhr in der Garderobe. Die klangvolle Melodie wiederholte sich zwei Mal und die Klänge vergingen wieder in der dunklen Stille.

Magdalena zog behutsam ihre Hände von dem Mann weg, und langsam, noch die letzten zarten Berührungen zum Abschied vergebend, stieg sie rückwärts aus dem Bett. Sie richtete vorsichtig die Decke um den alten Mann und ging rückwärts leise aus dem Zimmer heraus. Im Wohnzimmer blieb sie kurz stehen und streckte ihren weiblichen Körper, dann ging sie in den Flur. Erst jetzt merkte sie, wie nass ihr Unterkleid im Dekolletee von den Tränen geworden war, also zog sie es aus und verstaute es in ihrer Handtasche. Nahm das Kleid von der Garderobe, zog es an und schlüpfte in die Schuhe, schnappte sich ihren Mantel und verließ leise die Wohnung. Im Treppenhaus richtete sie sich noch kurz und ging auf die Straße.

Obwohl sie sich immer davor sträubte emotional zu werden, sich immer wieder sagte, dass es nur eine Arbeit ist, war sie jedes Mal tief von dem Schrecken und Unglück des Menschen berührt. Manche Menschen, so wie Sie, konnten nicht anders, als nur mitzufühlen. Das erste Mal war das schwierigste für Sie. Denn obwohl der Herr Müller ihr versichert hat, dass es zu keinen sexuellen Handlungen kommen wird, hat sie ihm nicht geglaubt. Trotzt der großen Angst die sie verspürte, war sie entschlossen, das für ihre Kinder zu tun. Sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Heute war es, das dritte Mal und sie überlegte wieder Herrn Müller anzurufen und die Absprache zu beenden. Aber nicht jetzt, später, wenn sie sich beruhigt hatte. Morgen vielleicht. Sie verließ das Haus und ging mit gesengtem Kopf die Straße entlang Richtung Bushaltestelle. Ihre Tasche hielt sie vor sich wie ein Schutzschild, klammerte sich an ihr und versuchte alles wieder zu vergessen. Paar Tränen flossen ihr die roten Wangen entlang. Das Leben war so grausam. 

 

Die Tür schloss leise und in der Wohnung wurde es still. Die Art der Stille, die man nur dann hört wenn man alleine ist. Eine andere Person macht immer welche Geräusche. Atmen, Rascheln der Kleidung, umblättern einer Seite im Buch. Es war nichts zu hören. Adelbert fühlte sich so alleine, wie ein Mensch nur sein kann. Wäre er gerade auf einer einsamen Inseln auf dem Atlantik, hätte er zumindest den Wind um sich. Es gab aber nichts. Seine Augen waren noch feucht und er schämte sich vor sich selbst, für die Gefühle, die er im Inneren verspürte. Seine Sehnsucht nach liebevollen Mutter, ein Traum, ein Kind sein zu dürfen und sorglos über den Garten laufen. Eine unbeschwerte Kindheit. Er lag jetzt kerzengerade und starrte Richtung Decke. Es war immer noch stockdunkel im Raum, das war aber egal, denn seine Augen waren geschlossen.

Nach einer Weile warf er die Decke zur Seite und stand vom Bett auf, machte die Tür weit auf und ging in die Umkleide. Dort schaltete er das kleine Licht wieder an und streifte den Signet auf dem Finger. Sein Rücken wurde gerade und sein Gesicht verlor alle seine weichen Züge, die gerade entstanden waren. Die Mundwinkel gingen nach unten und aus den Lippen wurde ein schmaler Streifen. Es folgte die ganze Garderobe und erst als er vollkommen gekleidet war, zog er den Ehering auf den Finger, richtete sich wieder zu voller Größe und betätigte einen Schalter. Ein elektrisches Summen ertönte und die Jalousie von dem Spiegel wurde hochgefahren. Er musterte sein Gesicht darin und versuchte milde auszusehen. Seine Augen waren immer noch gerötet, er wirkte alt, sehr alt, schloss seine Weste bis oben hin, das gab ihm Halt. Anschließend setzte eine getönte Brille auf, seine Augen verschwanden hinter Glas. Schloss mit dem zweiten Knopf Sakko und fühlte sich wieder stark genug, das Etablissement zu verlassen. Zückte kurz die Uhr aus der Tasche und schaute darauf, ohne zu realisieren wie spät es war. Er steckte sie wieder ein. Erneutes Summen verdeckte den Spiegel. Er lehnte kurz mit beiden Händen auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorne. Er schloss die Augen und glaubte in seinem Mund den bitteren Geschmack nach Balistol zu schmecken. Wenn die Zeit kommt, dachte er kurz und streckte seinen Rücken wieder in die Gerade. „Es reicht“, sagte er laut mit einem befehlenden Ton, nahm sein Mantel und verließ die Wohnung. Die Tür fiel zu und Herr Graf Wyschnewsky ging die Treppe runter. Vor dem Haus stehend zog er sein Mantel an. Die Welt wurde schattig, es war schon später Nachmittag. Einem inneren Impuls folgend schaute er nach oben und erblickte die letzten Sonnenstrahlen, die an der Spitze der Birke die Blätter golden färbten. So was Schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen, ging im kurz durch den Sinn. Sein Kopf war auf einmal leer und er glaubte Gleichgewicht zu verlieren. Die Blätter raschelten und er konnte die Augen nicht abwenden. Eine Sekunde, eine Minute, sein ganzes Leben. Und auf einmal war der Zauber weg. Sein Blick erfasste das Grau des Betons zu seinen Füßen und er ging Richtung Hauptstraße.

In einem diskreten Abstand folgte ihm sein Wagen, Herr Müller verstand sein Beruf und drängte sich nicht auf. Der Herr weis, dass er da ist und am gegebenen Ort und zur gegebenen Zeit wird er einsteigen. Es gab keinen Grund zu Eile. Die graue Silhouette verschwand in Schatten der Häuser, der Wagen folgte leise.

 

Reisender57

 

Lektorat: Janine Mück

 

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