Der Timo (Erdgeschoss links 17.00 …)
Mag sein, dass der Anblick viele erheitern würde, aber leider hatte dieses, fast intime Bild keine Zuschauer. Ein korpulenter Mann, dem man auch bei besten Absichten keine Fitness bezeugen konnte, bekleidet in einem ausgeleierten, vergrauten T-Shirt mit der Aufschrift „Rettungsdienst“, der in einer gekrümmten Position, die einen wunderbaren runden Buckel formte, gepresst an der Eingangstür stand. Zu dem T-Shirt trug er passende Jogginghosen, die gerade ziemlich ungünstig den oberen Teil eines schwabbeligen Pos mehr entblößten als bedeckten, wobei das Teil, das für den Hintern vorgesehen war, sich gerade in der Nähe der Kniekehlen befand. Der eine Fuß steckte in einer weißen Sportsocke, die im Moment um 180 Grad verdreht war, so dass die graue Unterseite mit dem Schmutzabdruck oben war. Der andere Fuß war ebenfalls in einer Sportsocke, allerdings in einer schwarzen, die zwar richtig an und hoch gezogen war, vielleicht aber zu fest, da die Ferse jetzt durch ein großes Loch herausschaute. Der lockige Kopf, mit wild abstehenden Haarsträhnen, klebte mit einem Auge an dem Türspion und wurde zu beiden Seiten mit den Händen links und rechts gegen abrutschen abgesichert. Sein Atem war im Moment angehalten, um ja keine Geräusche zu erzeugen.
„Der Kommissar ist endlich raus“, ging es Timo durch den Kopf, als er dicht an dem Guckloch hängend ins Treppenhaus schaute. „Erst ist seine neue Informantin weinend rausgegangen und jetzt ging endlich auch der Bulle“. „Er hat sie bestimmt hart rangenommen, so wie sie ausgeschaut hat, weinend, zusammen gekauert. Dass man solche Menschen erdulden muss.
Er lief leise zum Fenster und spähte durch leicht runter gelassene Rollos, auf die Straße. Dort sah er einen älteren Mann, der mit einem „komischen“ Gesichtsausdruck nach oben schaute. „Der Sack malt sich bestimmt schon seine weitere Beförderung aus“. „Das ich immer so ein Pech habe und ständig ein Beamter in meiner Nähe lauert“. Der ältere Mann schaute sich ein wenig entgeistert in der Umgebung um, zog seinen Mantel an, den er bis jetzt im Arm hielt, machte einen Mantelknopf zu und ging mit gesengtem Kopf Richtung Hauptstraße.
Eine große Limousine setzte sich fast gleichzeitig in Bewegung und folgte ihm in einem diskreten Abstand. „Aha, jetzt fährt auch der andere los. Gut, gut, verpisst euch, macht endlich was für unsere Steuergelder, nicht nur herumlungern und anständige Bürger bedrängen.“ An dem Ton seiner Stimme konnte man nicht erkennen, ob Timo Angst oder Verachtung gegen die Person empfand. Der Mann war ihm auf jeden Fall nicht geheuer und als er aus dem Blickfeld verschwand, entspannte sich Timo endlich. Er schlenderte leicht schwankend zum großen Fernsehsessel und plumpste in denselben hinein. Wie von Zauberhand erschien in seiner Rechten eine Flasche Bier, die fast im gleichen Moment ein Drittel an Inhalt verlor. Ein Rülps hallte durch das Zimmer, während die Augen fest auf seinem Handy gerichtet, durch dicke Gläser auf seiner Nase, einem Artikel über die Illuminaten folgten.
Timo war ein gutherziger Mittvierziger, ein selbständiger Handwerker, mit vielen guten Vorsätzen und Absichten, die leider einer Überzahl der schlechten Angewohnheiten gegenüber standen. Sein größtes Laster war sein Verfolgungswahn und seiner starken Neigung zu Verschwörungstheorien. Er sah immer eine verdächtige Person in seiner Nähe, fühlte sich beobachtet und überwacht. Manchmal reichte es, dass ihn jemand nur anschaute, oder etwas zu ihm sagte und schon kribbelte Timos Rücken und er verspürte einen starken Drang zum Weglaufen. Interessanterweise war der Gute auch bei der Wasserrettung als Freiwilliger aktiv und wenn er in seiner roten Uniform steckte, mit Emblemen und Abzeichen, konnte er mit jedem Polizisten reden, fühlte sich wie unter Kollegen und hatte keine Angst. In solchen Momenten war er wer, hatte eine Aufgabe, einen Auftrag. So wie zum Beispiel heute früh. Es ging eine Alarmierung raus und bereits um kurz vor sieben Uhr war er schon im Kreisverband voller Tatendrang. Das erklärte die unterschiedlichen Socken und die ausgeleierte Jogginghose, die er immer noch anhatte. In solchen Notsituationen und im Halbdunklen zieht man eben das an, was einem als erstes in die Hände fällt und fährt zum Verband. Bereits fünf Minuten nach der Alarmierung wurde eine Entwarnung gefunkt und der ganze Einsatz wurde beendet, bevor er überhaupt angefangen hat. Das war meistens der Fall. Die kleine Einsatzgruppe fuhr selten raus, meist nur zu Übungen mit den anderen Gruppen aus dem Landkreis. Der struppige Held Timo träumte von einer großen Katastrophe, in der er sich beweisen und die Welt retten konnte, aber zum Glück oder zum Leid seinerseits, traf diese nie ein. Wie meist in solchen Fällen, blieb er in der Wache hängen, quatschte stundenlang mit Leuten vom Rettungsdienst, (die waren im selben Gebäude untergebracht), oder saß allein im Einsatzfahrzeug und hörte den Funk mit. Seit der Digitalisierung war das nicht mehr so einfach wie früher, aber es ging, man musste nur wissen wie. Gegen Mittag war ein pensionierter Kamerad gekommen und Timo hatte endlich jemanden, mit dem er den Einsatz, der nicht stattgefunden hatte, besprechen konnte. Was alles passieren sollte, musste, könnte und leider nicht eingetretenen ist. Das ging weit bis in den Nachmittag, bis der Hunger die beiden Weltretter gemeinsam zum Döner essen bewegte. Bei einem Bierchen danach ist die Diskussion über den Zustand der Wache weitergegangen, bis irgendwann gegen 15 Uhr der Pensionär sagte, dass er einem weiteren Termin nachgehen muss und sich aus dem Staub machte. Timo blieb nichts anderes übrig, als nachhause zu fahren. Als er gerade in der Wohnung ankam, bekam er mit, wie der ältere Herr, den er für einen Kommissar hielt, das Haus betrat. Kurz danach kam die schüchterne Frau und die Grübelei nahm seinen Lauf. Die ganze Zeit über, wagte es Timo nicht mal sich einen Kaffee zu machen oder lauter zu atmen, einfach um nicht zu verraten, dass er in der eigenen Wohnung war. Erst jetzt, nach über zwei Stunden, lockerten sich seine Nerven allmählich, der Körper war nicht mehr so verspannt und er hörte auf stark zu schwitzen.
Nach zwei weiteren Schlucken aus der Pulle, war die Flasche leer und Timo fast voll. Sein rundes Gesicht hatte rote Flecken bekommen und ein ziemlich dämliches Grinsen machte sich breit. Seine Lektüre auf Inster bestätigte sein Denken voll und ganz. „Wir alle sind in den Klauen des Deep State’s und werden versklavt.“ sprach er mit einer lallenden Stimme zu sich selbst. „Und diese Subjekte wie der Kommissar, machen das möglich. Gnade uns Gott, wenn es einen gibt“. Mit diesen Worten bückte er sich nach vorne und stand auf, mit der Absicht nochmal in die Küche zu gehen und sich eine weitere Halbe aus dem Kühlschrank zu holen. In dem Augenblick knirschte ein Schlüssel im Schloss und er erstarrte zu einer Salzsäule. „Tina“ kam es aus seinen Lippen heraus und er rannte wie von einer Wespe gestochen in Richtung Badezimmer, knallte die Tür hinter sich zu und schloss sie ab. Jetzt stand er da und schaute sich im Spiegel an, die leere Flasche immer noch in der Hand. Große rote Augen starrten zurück. Nach einem Moment fasste er sich wieder und drehte sich um die eigene Achse und begutachtete das Badezimmer, als ob er etwas suchen würde. Sein Blick fiel auf den Wäschekorb, den er sofort öffnete und die leere Flasche darin versteckte. Dann nahm er die Flasche wieder heraus und stellte sie kurz auf dem Boden, zog eine Socke aus und steckte die Flasche hinein, erst dann verstaute er die Flasche wieder im Korb und legte noch einen Damenschlüpfer und einen BH oben drauf. Ein wenig erleichtert und sichtlich stolz auf sich über einen so gerissenen Einfall, zog er die Hosen hoch und wusch sich das Gesicht. Nach ein paar weniger erfolgreichen Versuchen die Haare zu bändigen, fühle er sich stark genug, Tina zu begegnen, also trat er mit einem breiten Grinsen aus dem Bad heraus.
Tina war ein starkes Mädchen vom Lande. Sie ist auf einem großen Bauernhof aufgewachsen, hatte aber nie den Hang zum Ländlichen. Sie war schon fleißig und hart im Nehmen, aber auf dem Dorf wollte sie nicht bleiben. Ihre Geschwister, sie hatte drei, fanden das OK und die Eltern auch. Schließlich war die Familie groß genug, an Nachfolgern für die Landwirtschaft hatte es im Haus nicht gemangelt. Sie arbeitete seit frühster Kindheit im Betrieb mit. Bei den Tieren zu helfen oder im Stall, war normal und selbstverständlich. Die Schule lief auch nicht schlecht, aber für das Gymnasium konnte sie sich nicht begeistern. Als es Zeit wurde sich ein Beruf zu suchen, fand sie eine Ausbildungsstelle als MFA in einer Praxis im Vorort der Kreisstadt und dort war sie bis heute beschäftigt. Sie war gewissenhaft, kompetent und hilfsbereit. Sie hatte viel Geduld, auch für die schwierigen Patienten. Ihr Chef, ein Arzt des alten Schlages, schätzte sie hoch und war froh sie zu haben. Schon öfter hatte er laut gesagt, dass es die Praxis ohne sie gar nicht mehr gäbe. Er, mit seinen fast siebzig Jahren auf dem Buckel, wollte den Laden schon längst dicht machen. Aber solange er gesund war und die Tina mitarbeitete, würde er weiter machen. Die Last, die durch so eine Aussage auf ihren Schultern lag, nahm sie leicht und empfand das als ein großes Kompliment. Sie half, wo sie nur konnte, und hatte Spaß dabei. Finanziell war sie auch gut aufgestellt, wenn auch nicht übermäßig.
Sie ist auch eine schöne Frau geworden. Ob durch die Arbeit seit frühster Kindheit, oder durch regelmäßiges Schwimmen, entwickelte sie eine sehr sportliche Figur, die von einem schönen Gesicht gekrönt war. Manche Mädels müssen stundenlang im Fitnessstudio strampeln oder sich bei Crossfit schwitzend quälen, um so eine Silhouette zu haben. Bei Tina war all das vorhanden, was sich die Frauen wünschten und wovon die Männer träumten. Ein hübsches Gesicht, umrundet mit schulterlangen blonden Haaren, einem sportlichen Körper und einem gutmütigen Charakter, das einem fast jeden Fehler verzeihen konnte.
Den Timo hatte sie bei der Wasserrettung kennengelernt, vor vielen Jahren, als sie beide noch in der Wasserjugend waren. Erst war das nur eine Kameradschaft, dann mit der Zeit immer mehr. Wie in dem Lied „tausend Mal berührt…bis eines Tages hat es klick gemacht“ und Timos Gesicht hat sich zwischen Tina und die Welt geschoben. Der Junge war schon damals ein Windbeutel, einer der tausend Ideen gleichzeitig hatte. Meistens waren es so viele, dass er doch keine umsetzten konnte. Ein Chaot ohnegleichen. Einer der sich nichts merken konnte. Vielleicht hatte er deshalb die Aufmerksamkeit von Tina geweckt? Oder war es sein freches Auftreten? Schlank, sportlich, belesen. Zumindest gab er sich so aus. Ein Junge aus gutem Hause mit einer großen Klappe. Wo die Liebe hinfällt, so gedeiht sie, manchmal auf wundersamen Boden. Gegensätze ziehen sich an und so haben sich auch die beiden gefunden. Nach ein paar Jahren „miteinander gehen“ sind sie zusammengezogen und noch ein paar Jahre drauf, hatte sich der junge Mann doch seinem Tinchen erklärt. Ein ungleiches, aber ein schönes Paar.
Tina hängte ihre Jacke in der Garderobe auf und streifte die Schuhe ab. Mit ihrer Handtasche bewaffnet ging sie ins Wohnzimmer und legte sie neben dem Couchtisch ab. Sie ging weiter in die Küche und beim Vorbeigehen sagte sie laut „bin da Schatz“. In der Küche erfasste sie mit ihrem strengen Blick die Unordnung und machte sich erst mal einen Kaffee. Während dieser in den Becher plätscherte, räumte sie die Teller und Gläser in die Spülmaschine und wunderte sich, wie viel Geschirr sich innerhalb eines Tages ansammeln konnte. Bevor der Kaffeeautomat fertig war, war Tina fertig und konnte das Gerät starten. Mit einem lauten „pschhh“ fing die Spüle an zu arbeiten. Sie kippte ein Schuss Milch in den Kaffeebecher und trank ein Schluck von ihrem Americano. Dann stellte sie ihn kurz ab, griff mit beiden Händen nach hinten in ihre Bluse und befreite sich mit einem erleichterndem „uff“ vom BH. Eine sichtbare Erleichterung spielte um ihren Mund, ein Lächeln glitzerte auch in den Augen. Sie ging ins Wohnzimmer und plumpste auf ihren Lieblingsplatz in der Couchecke. Das mit Spitze besetzte Wäschestück legte sie neben ihrem Kopf auf der Lehne ab und trank genüsslich ihren Kaffee. Sie wollte kurz den Fernseher anmachen, konnte die Fernbedienung aber nirgendwo finden. Sie schloss die Augen und verharrte so einen Augenblick. Ihr Gesicht entspannte sich und sie kam zur Ruhe, machte wieder die Augen auf und trank noch ein Schluck. Dann bemerkte sie Timo in der Tür stehen. Sein roter Kopf und das komische Grinsen verriet ihr alles, aber sie war gerade nicht in der Stimmung, einen dritten Weltkrieg anzufangen. Sie war einfach nur glücklich, auf der Couch zu sitzen und den Kaffee zu trinken, der Rest war momentan Nebensache.
„Oh Timo, du Weltretter, hallo.“ Und ein breites Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Komm her mein Lieber und erzähle mir, wie der Einsatz heute früh gelaufen ist?“. Der Hero bewegte sich auf wackligen Beinen Richtung Tina und lächelte breit. Dann lies er sich einfach neben seinem Frauchen fallen und wurde von ihr umarmt. So eine Gelegenheit kann man sich doch nicht entgehen lassen und augenblicklich war Timos rotes Gesicht zwischen Tinas Brüsten verschwunden. Sie drückte leicht seinen Kopf und streichelte seine Haare mit der freien Hand. Die Haare wie unter einem Zauber stehend, gehorchten ihren Bewegungen und formten sich zu einer durchaus normalen Frisur. Tinas anderer Arm war gerade weit ausgestreckt, um zu verhindern, dass der Kaffee aus dem Becher überschwappte und auf ihr oder der hellem Ledercouch landete.
Timo, obwohl er sich gerade auf seinem Lieblingsort befand, musste doch nach einem kurzen Kampf mit seinem Zwerchfell, von seinem Tinchen ablassen, um einzuatmen. Sein vorher schon roter Kopf, hatte gerade noch ein wenig an Leuchtkraft zugenommen.
Er schaute sie einfach nur an und sie schaute zurück. Wie damals als sie noch zwei Jugendliche bei der Wasserjugend waren und das ganze Leben noch vor ihnen lag. Ein Mysterium, in dem noch alles möglich sein sollte. Keine Rechnungen, keine Steuer, keine Miete. Die Welt stand ihnen offen.
„Na mein Held, wie war dein Tag?“ wiederholte Tina die Frage.
Er sank mit seinem Kopf zu Tinas Schoss und legte sich hin. Die Augen von Timo waren geschlossen, sie merkte, wie sich sein Körper verspannte und die Unruhe in ihm stieg. Als beim ersten Versuch zu sprechen, nichts aus seinem Mund herauskam, hob sie ihren Kopf und schaute kurz an die Decke, holte tief Luft und begann selbst von ihrem Tag zu erzählen. Wie sie sich morgens, nachdem er in großer Eile auf die Wache gefahren ist, in dem großen Bett alleine gefühlt hatte, und schon kurz darauf aufgestanden ist, sich duschte, Kaffee kochte und sich zur Arbeit fertiggemacht hatte. Sie erzählte von dem morgendlichen Berufsverkehr, und dass so viele Fahrer in ihren Autos so aggressiv waren. Dass sie unterwegs ein paar Semmeln und Brezeln gekauft hatte, weil sie so früh dran war und in der Praxis Zeit zum Frühstücken gehabt hatte. Dass sich die Kolleginnen und der Chef sehr gefreut haben, dass sie auch was von dem frischen Gebäck abbekommen haben. Und darüber, dass das gemeinsame Frühstück allen die Laune dermaßen angehoben hat, dass der ganze Tag sehr entspannt verlief.
Während sie das erzählte, wurde Timos Körper allmählich entspannter und er öffnete die Augen, schaute Tina von unten an, er lag immer noch in ihrem Schoß, und bewunderte ihre Nasenspitze, die sich bei jedem Wort ein wenig bewegte. Sie wippte lustig. Je nachdem, welchen Buchstaben die Tina aussprach, zeigte ihre Nasenspitze mal rauf und mal runter. Bei manchen Worten schien sie sogar zur Seite zu schwenken, er konnte sich aber auch täuschen. Er trug eine Brille und die war, wie die meiste Zeit, mit einer dünnen Schicht Staub bedeckt. Brillenträger haben ihre eigene Welt, die für die anderen unzugänglich ist. Als Tina mit ihrer Erzählung zur Mittagspause kam, unterbrach sie kurz und trank von ihrem Kaffee.
Timo fing an von sich aus zu berichten, dass die Alarmierung einer Person im Wasser galt, die mit ihrem Auto in den Fluss gefahren sein sollte. Das er die ganze Ausrüstung für die Wasserretter im Auto nochmal gecheckt hat und sogar die Kiste der Rettungstaucher ins Auto verfrachtete. Das sich bereits kurz nach dem Notruf eine kleine Mannschaft im Verband gefunden hatte und alle waren voller Tatendrang dem Hilferuf zu folgen. Das sie auch ein Schlauchboot mitgenommen haben und 20 Kilometer zum Fluss gefahren sind. Die Polizei war schon da und das THW bereits auf dem Weg. Die Lage soll am Anfang relativ unübersichtlich gewesen sein, er aber, als Gruppenführer hat das Ruder herumgerissen und als Einsatzleiter eine Systematik in das Geschehen gebracht. Das Boot wurde zu Wasser gelassen und die Wasserretter haben das Flussufer nach der vermissten Person abgesucht. Erst nach eine Stunde wurden sie fündig und haben das Opfer geborgen. Der Herr war zwar stark unterkühlt, aber am Leben. Das Fahrzeug des Opfers war aber so tief und ungünstig in dem Fluss reingefahren, dass ein Einsatz der Rettungstaucher nötig war, um es zu bergen. Natürlich hatte Timo auch das vorab bedacht und mit Hilfe des THW ist auch dieser Teil des Einsatzes erfolgreich zu Ende gegangen. Als sie mit allem fertig waren und zum Kreisverband zurück kehrten war bereits 14 Uhr vorbei, leider musste man noch die Ausrüstung versorgen, reinigen und verstauen, das hat noch eine weitere Stunde gedauert. Dann haben sie noch eine Halbe getrunken und sind nach Hause gefahren.
Leider war er heute auch nicht auf der Baustelle und den offenen Auftrag wird er erst morgen zu Ende machen können.
Es wurde still im Wohnzimmer. Tinas Hand glitt immer noch sanft über Timos Haarpracht. Er schloss die Augen und erlebte erneut den Einsatz, den er gerade beschrieben hatte.
„Mein Held, was würde die Wasserrettung ohne dich machen?“ sagte sie leise. „Jetzt aber lass mich frei, ich habe auch ein paar Heldentaten zu vollbringen. Wir sollten was zu Abend essen und duschen wäre auch nicht schlecht“. Sie lächelte ihn an und hob sein Kopf leicht an, damit er sich leichter aufrichten konnte. Sie stand auf und ging mit der leeren Tasse in die Küche.
„Was magst du essen Timo“ rief sie ihm zu.
„Wir können Pizza bestellen“- rief er zurück.
„Nein, wir können nicht jeden Tag Pizza kommen lassen. Erstens kostet es viel Geld und zweitens, ist es auf die Dauer ungesund. Außerdem haben wir diese Woche bereits zweimal bestellt“.
„Currywurst mit Pommes geht immer“ rief er von der Couch aus und schaltete den Fernseher an. Anscheinend war ihm das geheime Versteck der Fernbedienung bekannt.
„Wie wäre es mit Gemüseauflauf?“ Sie glaubte einen leisen Seufzer zu hören.
„Mit viel Käse obendrauf“ rief sie ins Wohnzimmer. „Und du kannst auch Ketchup drauf tun.“
„Du hast mich überzeugt Tinchen“.
Sie lächelte in seine Richtung, obwohl sie wusste, dass er das nicht sehen kann. Sie holte einen Topf aus dem Schrank, füllte ihn mit Wasser, salzte es, stellte ihn auf den Herd und schaltete ihn an. Noch einen Deckel drauf und ab unter die Dusche.
„Timo, bin unter der Dusche, wenn das Wasser kocht, tue die Nudeln rein!“
„Welche Nudeln?“
„Die, die auf der Küchenplatte in einer Schüssel stehen und auf ihr heißes Bad warten.“
Sie ging nochmal zurück in die Küche, holte eine Schüssel, tat Nudeln aus einer Packung rein und stellte sie direkt, unübersehbar neben den Herd. Die offene Packung verstaute sie wieder im Schrank. Erst dann ging sie ins Badezimmer. Sie wollte bei der Gelegenheit noch das „Nudeln nicht vergessen“ in Timos Richtung rufen, aber sie ließ es doch sein. Der Wuschelkopf wird das schon machen.
„Tina hat es geglaubt, gut, das wäre aber ein schöner Einsatz, so wie ich ihn erzählt habe“ dachte sich Timo und switchte wieder mit seiner Aufmerksamkeit auf die Illuminaten und dem Artikel auf Insta.
Seine Gedanken kreisten unterbrochen um die Weltregierung, Deep State und Reptiloiden. Im Großen und Ganzen war er fest davon überzeugt, dass „die Bösen“ ihm und der Menschheit die Welt gestohlen haben, Essen vergiften, Chips in die Hirne der unwissenden Bevölkerung einpflanzen und alles und jeden steuern. Es denken sehr viele Menschen so, das stimmt, nur dass Timo zu denen gehört, die davon so besessen sind, dass der Alltag für ihn nicht mehr existent ist. Die großen Probleme der Welt haben bei ihm Vorrang. Er hat weise entschieden und Prioritäten gesetzt, so seine Position. Die Frau an seiner Seite, oder die Arbeit als Existenzsicherung, sind in Anbetracht einer Atombombe, die jeden Augenblick explodieren kann, in weite Ferne gerückt. Was spielt es für eine Rolle, ob die Socken auf dem Tisch oder im Wäschekorb liegen? Wird sich jemals ein Archäologe beim Betrachten eines menschlichen Schattens an einer Betonwand, in sagen wir mal hundert Jahren, fragen: „Hat das Wesen, das hier verdampft ist, Cannabis geraucht?“ Eher nicht. Das ist genauso unwichtig wie Ordnung in der Küche oder Zähne putzen nach dem Eis essen. Eine Nuklearkatastrophe relativiert so ziemlich alles, was man sich ausdenken kann, bis auf den Einschlag selbst, natürlich.
Aber er findet die Lösung, er rettet die Welt. Er wird der Ironman sein, der Oberbulle, der die schlimmen Jungs zur Strecke bringt und dann werden alle sehen, dass er von Anfang an Recht hatte. Er allein hatte schon immer den Durchblick. Dieser Artikel, den er gerade liest, bestätigt all seine Befürchtungen. Da steht schwarz auf weiß, dass die Verschwörer kleine Kinder missbrauchen, Menschenfleisch essen und ganze Staaten unterwandern und wie Parasiten von innen heraus aussaugen und vernichten. Ein Krebsgeschwür an der Menschheit sind sie, nichts anderes.
Man hat ihn damals, vor fünfzehn Jahren, deswegen durch die Prüfung auf der Polizeischule durchfallen lassen. Sie wussten, dass er alles ahnt. Das er erkannt hat, wie der Hase läuft, dass er nicht korrupt ist. Das mit ihm nicht zu spaßen ist, dass er derjenige ist, der das Ruder umreißen wird. Ja, so war das. Aber er war als Jugendlicher zu naiv, unvorsichtig, hat zu viel geredet, das war sein Fehler. Die fehlende sportliche Eignung und die schlechten Schulnoten waren für die Prüfer ein willkommenes Fressen. Sie haben sich darauf gestürzt und verbissen, er hatte keine faire Chance bekommen. Durchgefallen.
Irgendwann machen die aber einen Fehler und dann ist er da, dann schlägt seine Stunde.
Seine Gedanken haben ihn aus dem Leserhythmus gebracht, der Bildschirm des Handys ist schwarz geworden und er hat vergessen, dass er gelesen hat.
Das Bad war vollständig von ihr eingerichtet. Eine persönliche Spa-Oase, mit vielen kleinen verspielten Details. In ihrer Kindheit und Jugend hat sie immer davon geträumt, ihr eigenes Badezimmer zu haben. Auf dem Bauernhof war das nicht möglich. Sie hat sich eine große Toilette mit allen Geschwistern geteilt. Natürlich gab es da alles, was man zur Pflege brauchte. Dusche, Badewanne, zwei Waschbecken, alles in gutem Zustand, geräumig und hell. Vielleicht nicht das neuste, aber gepflegt und gut in Schuss. Schließlich mussten sie auch selbst darauf achtgeben und es sauber halten. Die Oma, die auch mit auf dem Hof lebte, war in dieser Hinsicht sehr streng und prüfte regelmäßig. Ein Gemeinschaftsbad bleibt aber immer ein Gemeinschaftsbad.
Das hier war anders. Sie teilte es nur mit Timo und obwohl er nicht der Musterknabe der Ordnung war, so bemühte er sich stetig, zumindest hier nicht zu viel Chaos zu stiften. Im Gegenzug ging sie nie in den Keller, unten war sein Reich. Dort konnte er machen und lassen, was er wollte. Außerdem gab es in der Wohnung noch eine Gästetoilette und die war auch nur ihm vorbehalten.
Sie zog sich aus und schlüpfte unter die Dusche. Das warme Wasser umspülte sie und sorgte für Entspannung, sie genoss jeden warmen Tropfen, der sie berührte. Der Stress des Tages verschwand buchstäblich im Ausguss. Mit einem Luffa Handschuh rieb sie ihren ganzen Körper ab. Sie wollte schon den Timo rufen, dass er ihr hilft den Rücken abzureiben, sie ließ es aber. Der Ausgang eines solchen Dienstes war mit der Gefahr verbunden, dass sich das Abendessen verschob und sie erneut duschen würde. Bei dem Gedanken wurde ihr warm im Bauch und sie kicherte leise.
Als sie die Duschkabine verließ, war das ganze Badezimmer voll von Dampf, sie fühlte sich frisch und stark, wie neu geboren. Sie zog ihre Lieblings-Jogginghose und ein sauberes T-Shirt an, die noch nassen Haare wickelte sie in ein Handtuch. Ein Wisch über den beschlagenen Spiegel offenbarte ihr ein schönes, junges Gesicht mit einem zauberhaften Lächeln und mit ihm verließ sie das Bad.
„Hey hübscher Mann, sind die Nudeln schon durch?“ Fragte sie Richtung Wohnzimmer.
Als Antwort kam „Was, Nudeln? Oh, nee.“ Aber sie war schon in der Küche, die genauso voll mit Dampf war, wie das Bad. Der Göttergatte hatte das Wasser vergessen und dies war fast vollständig verdampft. „Na ja, besser so, als die Nudeln zu rösten.“ sagte sie halblaut.
Sie öffnete das Fenster, nahm den Topf vom Herd und füllte ihn erneut mit Wasser, salzte es und stellte ihn wieder zum Kochen. Irgendwie hatte sie auch keine Lust dem Timo darüber etwas zu sagen. Sie holte noch Gemüse raus, blanchierte es und legte es in eine Auflaufform, dann machte sie noch eine Soße dazu und rieb den Käse. Als sie damit fertig war, kochte das Wasser erneut, also Nudeln rein, Wecker stellen, Fenster zu machen. „Selbst ist die Frau“ ging es ihr durch den Kopf und sie lachte wieder. Sie konnte dem Timo einfach nie lange böse sein. Er war ein Chaot, vergesslich, verplant, mit dem Kopf in den Wolken.
Als sie sich kennengelernt haben, hat sie das nicht beachtet, vielleicht war er damals anders, das wusste sie nicht mehr genau. Seit geraumer Zeit aber, war das immer präsenter und mittlerweile hatte das Einfluss auf seine Firma und das gemeinsame Leben. Die Aufträge, die er noch vor zwei Jahren in einer Woche durch hatte, zogen sich nun über einen Monat oder länger. Manchmal riefen sogar die Kunden an und versuchten sich zu beschweren, aber das alles half nichts. Timo hatte immer eine Ausrede parat und keine Einsicht für Belange der anderen. „Es ist eine schwere Zeit für ihn und die geht bald vorbei“ hat sie sich immer gesagt, und half, wo immer sie nur konnte.
Der Wecker klingelte, also die Nudeln raus und ab damit zum Gemüse, Soße drauf, Käse drauf und ab in den Ofen. Wecker stellen.
Tina ging zu Timo ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihn. Wickelte ihr Haar aus dem Handtuch und legte es auf die Armlehne der Couch.
Er schaute gerade seine Lieblings-Sendung „Blaulicht-Spezial.“ Bei der Sendung war er einfach weg. Nur körperlich anwesend. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Geschehen auf dem Bildschirm.
„Worum geht es in dieser Folge?“- fragte sie.
„Clans, Clans und Schleuser“
Ein Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene rast durch eine Stadt dicht gefolgt von einem Mannschaftswagen mit Spezialkräften drin. Eine große Razzia ist im Gange, gegen die Clans und Schleuser, Drogenhändler und Zuhälter. Blaulicht-Spezial hat angefangen. Der Timo geht auf Streife. Wäre er an Bord, wären die Einsätze kürzer, effektiver, aber das ist gar nicht gewollt. Es muss Chaos herrschen.
Der Wecker klingelt erneut und Tina eilt in die Küche, stellt Teller auf den Tisch, Besteck, und einen dicken Untersetzer aus Kork für die Auflaufform. Nur noch zwei Gläser und eine Karaffe mit Zitronenwasser und man kann essen. Sie holt die heiße Form aus dem Ofen und stellt sie behutsam auf den Untersetzer. Eine würzige Wolke schwebte sogleich über den Tisch und zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Mann, habe ich einen Hunger“ dachte sie bei dem Anblick des Abendessens. Sie griff nach einem Holzlöffel und verteilte auf beide Teller ordentliche Portionen, auf die von Timo, tat sie noch extra Käse drauf und stellte Ketchup neben sein Besteck.
„Timo!! Das Essen ist fertig!!“ rief sie in Richtung Wohnzimmer.
Dann fiel ihr ein, dass gerade „Blaulicht“ läuft und es keinen Sinn hat, den Timo zu rufen, er kommt eh nicht. Sie saß da und schaute mal zu Tür, und mal auf den schön gedeckten Tisch. Ein wenig ratlos war sie gerade und aus für sich unersichtlichen Gründen, war sie auf einmal traurig. Hinterm Fenster ist es schon dunkel geworden, man konnte die Lichter der Nachbarhäuser sehen und durch den gekippten Fensterschlitz hörte sie einen Spaziergänger, der seinen Hund rief, aber der Bubele wollte nicht kommen. Vielleicht hatte er gerade einen Leckerbissen gefunden und im Schutz der Dunkelheit ließ er sich den schmecken.
Sie nahm ihre Gabel und spießte eine Nudel mit Brokkoli auf, führte sie zum Mund und kaute es langsam. “So schmeckt es nur halb so gut“ dachte sie.
Kurz entschlossen steckte sie das Besteck, in die Tasche der Jogginghose, fasste beide Teller und ging mit dem Essen ins Wohnzimmer zu Timo.
Der Timo saß wie gebannt vor der Glotze und verfolgte, wie zwei Feuerwehrmänner eine Trage mit einem Patienten durchs Treppenhaus bugsierten.
Sie reichte ihm den Teller, was er aber nicht zu sehen schien. Erst als die Speise direkt vor seiner Nase war, schaute er entgeistert auf die Nudeln, dann auf Tina, und dann wieder auf die Nudeln. Die ganze Szene hat so ausgeschaut, als ob er nicht einordnen konnte, was da gerade vor ihm geschieht. Erst im zweiten Augenblick begriff er, was die Tina von ihm wollte, nahm den Teller und sagte, „danke Tinchen“. Dann war er wieder „im Einsatz“. Nach weiteren Minuten, in denen er den Teller vor sich haltend nur auf den Fernseher schaute, fragte ihn die Tina, „brauchst du vielleicht eine Gabel?“.
„Ehh, Was?“
„Ob du eine Gabel brauchst? Habe ich gefragt“.
„Ja, ich denke schon.“
Sie zog das Besteck aus der Hosentasche und reichte es an ihn weiter.
Mit dem Teller in einer, und der Gabel in der anderen Hand, saß er stark nach vorne gebeugt da und glotzte den Bildschirm weiter an. Ob das der Hunger, oder der Duft der Speise war, der ihn dazu bewegt hat, wusste sie nicht, auf jeden Fall fing er an, den Auflauf zu essen, ohne groß zu schauen oder zu kauen. Er spachtelte die Nudeln in den Mund und schluckte sie runter.
Als die Tina ihn noch fragen wollte, ob er Ketchup dazu möchte, war sein Teller fast leer. Die Frage hat sie sein lassen.
„Das Essen schmeckt genauso wie in der Küche“, ging ihr durch den Kopf. „Vielleicht ist zu wenig Salz drin?“
Die Sirenen verstummten und es wurde ein Werbeblock ausgestrahlt. Der Timo war wieder da.
„Magst du ein Bierchen Tinchen?“ waren seine ersten Worte seit eine Stunde.
„Nö, danke Timo, hab noch meinen Kräutertee.“
Er stand auf und ging zum Kühlschrank und holte sich eine Halbe. Tina nahm die leeren Teller vom Couchtisch und folgte ihm in die Küche. Sie wollte sie gleich in die Spüle reintun, die war aber noch voll vom letzten Gang, also räumte sie erst aus und dann wieder ein. Der Timo war wieder weg. Ist mit der Flasche Bier in der Hand an ihr vorbei geschlichen und hat sich wieder vorm Fernseher platziert. Es liefen gerade Abendnachrichten, die er laut kommentierte. Es gab, wie seit längerer Zeit schon, nur schlechtes aus der Welt zu berichten. Irgendwie, gefühlt, verbreiteten die Sender nur Angst und Schrecken. Sie hörte zwar laut und deutlich, was der Timo über das Weltgeschehen sagte, stieg aber in die Themen nicht ein. Sie machte das Licht in der Küche aus und schaute aus dem Fenster. Es geschah nichts Interessantes auf der Straße, alles war ruhig und still. Gäbe es nicht die Geräusche des Fernsehers im Wohnzimmer und das Gebrabbel von Timo, könnte sie den Wind draußen hören. Sie sah, wie sich die Blätter des Baumes vor dem Haus in den Lichtern der Nachbarhäuser bewegten. Sie trank den inzwischen lauwarmen Tee und schaute raus.
Als sie ins Bett gingen, war es schon nach 22 Uhr. Seit dem Abendessen war nicht mehr viel gesprochen. Bisschen was über die Nachrichten und darüber, dass der Film im Abendprogramm so schwach war. Belanglose Themen. Der Timo schien sehr zufrieden zu sein und schmiedete neue Pläne, über den Ausbau seiner Firma und was er alles vor hat, wenn endlich der große Durchbruch kommt. Tina hörte zu, aber kommentierte nichts. Ab und an warf sie ein paar Einwände ein, wenn es um die Finanzierung gewisser Vorhaben ging, mit der Begründung, dass sie nicht so viel Geld haben, aber der Timo sah das ganz entspannt. Schließlich wird der große Coup alles ermöglichen.
Sie lagen im Bett und das Licht war aus, Timos Hand strich ihr über den Bauch und den Busen, ein Kuss mit Zahnpasta-Bier-Geschmack suchte nach Tinas Lippen. „Tinchen, wollen wir mal Pony reiten?“ flüsterte er ihr ins Ohr. Sie drehte sich zu ihm rüber und bestieg ihn. Nahm ihr Nachthemd ab und warf es hinter sich auf den Boden. Sie fanden zusammen und sie bewegte sich langsam auf und ab, vor und zurück. In einem Rhythmus der Wellen am sonnigen Sommertag am Meer. Ganz langsam, um nichts zu überstürzen, auf und ab. Seine Hände fanden ihre Brüste und drückten sie, fast zu fest. Sie griff nach seinen Handgelenken und zog sie erst mal weg, um sie dann wieder sanft auf ihre Brüste zu legen. Vielleicht war die Botschaft nicht angekommen, denn er ließ sie los und fasste sie um die Taille, drückte erneut fest und ist gekommen. Sie versuchte noch in ihrem Rhythmus zu bleiben, aber sie wusste, dass es schon vorbei war. „Am Herbstfest reitet man Pony’s länger“ ging ihr durch den Kopf und sie musste das Kichern unterdrücken. Sie legte sich auf Timo, aber da er sich anfing zu winden, rutsche sie von ihm, auf die Seite, kuschelte sich an seine Brust und hörte seinem Atem zu.
„Weist du Timo, ich hatte heute ein ungewöhnliches Erlebnis. Es ist ein Patient zum Impfen gekommen. Ein alter Bauer der auf der Alm lebt. Der war richtig vom Wetter und der Zeit gegerbt. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, voller Falten und Furchen, aber irgendwie friedlich.“ – Flüsterte sie ihm ins Ohr.- „Er war so ruhig. Seine Augen waren wie Wasser im Bergbach. Klar in grün und blau leuchtend. Als er mich angeschaut hat, da habe ich eine Güte und Dankbarkeit gespürt. Einfach so, aus dem Nichts. Dann hat er seinen Ärmel hochgekrempelt, damit ich ihm die Spritze geben kann und in dem Moment ist eine Spinne aus seiner Brusttasche herauskrabbelt, ein Weberknecht. Der ist erst mal zu der Schulter marschiert, hat da angehalten und so getan, als ob er sich umschaut, der Platz hat ihm nicht gut gefallen, also ist er weiter über den Hals und die Haare, zur Kopfspitze gegangen und dort ist er verharrt. Er schaute, wie ich den Alten impfte und als ich fertig war, ist er dann runter gegangen und wieder in der Brusttasche verschwunden. Magisch, nicht wahr? Vielleicht war das sein Haustier, oder ein Zauberwesen?“
„Timo? Bist du noch wach?“
„Anscheinend nicht, mein Held ist am Feld der Liebe gefallen.“
Sie stand auf und ging nackt ins Badezimmer. Mitten auf dem Weg blieb sie stehen und schaute die Couchlehne an. „Na schau einer an, bin langsam wie mein Liebster.“ Sie ging ins Wohnzimmer und nahm ihren BH, der da seit Nachmittag lag und zusammen mit dem Handtuch von der Lehne, trug sie ihn ins Badezimmer.
Sie machte das Licht im Badezimmer an und setzte sich aufs Klo. Sie ließ das Wasser laufen aber störte sich daran, dass es so laut klang, also rutschte sie zum Rand der Brille und das Plätschern wurde leiser.
Ihr Handy lag am Wäschekorb, sie nahm es und rief ihre Lieblingsseite von dem lokalen Sender auf. Sie las von einem Verkehrsincident von heute morgen, in dem ein älterer PKW-Fahrer, auf Grund von einem Fehler, im Navigationssystem seines Autos, beinahe in den Fluss gefahren wäre. Zum Glück ist er rechtzeitig zum Stehen gekommen und konnte sich aus seiner misslichen Lage mit Hilfe von Passanten selbst befreien. Verletzt wurde niemand. Sie runzelte die Stirn und fühlte eine Leere im Kopf. Sie stand auf, wusch sich und zog das Nachthemd wieder an. Als sie schon rausgehen wollte, fiel ihr Blick wieder auf den BH. Sie fasste ihn, suchte ein Wäschesäckchen aus und packte ihn rein. Dann machte sie den Wäschekorb auf, nahm die Schlüpfer und andere BHs aus dem Korb heraus, um auch diese, in dem Säckchen zu verstauen. Ihr fiel auf, das unter den Sachen eine ungewöhnlich aussehende Socke lag. Sie zog sie raus und begutachtete sie. In der weißen, schmutzigen Socke steckte eine leere Bierflasche. Sie wusste nicht, was sie sagen soll, sie schüttelte nur den Kopf. Das Säcken ließ sie in den Korb fallen und ging mit der Flasche in die Küche.
Sie trank den kalten Tee zu Ende und schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit. Die ersten Regentropfen fielen auf die Fensterscheibe, lautlos verharrten sie, um dann langsam runter zufließen. Erst die eine, dann die zweite und die zehnte. Der Regen fand den Weg in Tinas Herz. Erst eine Träne, dann die zweite und die zehnte. Verschwommen sah sie, wie die schattenhaften Blätter der Birke, ihrer Farben beraubt, wie schwarze Vögel nach unten schwebten, um in der Dunkelheit der Pfützen zu ertrinken. Der Wind sang in der Krone sein herbstliches Lied. Der alte Greis von der Alm kam ihr wieder in den Sinn und sie lächelte schüchtern durch die Tränen.
„Wieso Timo, wieso?“
Reisender57
Lektorin Janine Mück