EGOn Eigner

Einer meiner ständigen Begleiter und besten Freunde ist der Eigner Egon. Wenn man uns von der Seite betrachtet, könnte man meinen, dass wir Brüder sind; so ähnlich sehen wir uns. Das gleiche Alter, die gleiche Körpergröße, sogar unsere Nasen sind fast gleich lang. Fast, seine ist ein Tick länger und spitzer. Wir trafen uns bereits im Kindergarten, und seitdem sind wir fast unzertrennlich. In meiner Kindheit hat mich Egon immer zum Unsinn angestiftet, zu irgendeinem Blödsinn oder Streichen, was zum großen Teil auch großen Spaß gemacht hat. Das Problem war, dass, so bald es brenzlig wurde, sich der Sack meist aus dem Staub machte und ich allein dastand. Öfters habe ich für ihn auch Prügel bezogen, unverdient, wie ich finde. Ich war meist sauer auf ihn, aber nicht länger als ein paar Tage. Danach haben wir uns wieder vertragen und streiften zusammen durch die Gegend. Ich konnte ihm nie länger böse sein; er verstand mich so gut: meine Bedürfnisse, meine Sehnsüchte, sogar meine Träume. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir eineiige Zwillinge sind. Er war immer derjenige, der mich motivierte und zum Durchhalten animierte. Viele Ideen, die ich in meinem Leben umgesetzt habe, stammen von ihm. Durch ihn habe ich bescheidene Erfolge erzielt, was mich im Erwachsenenleben ein wenig von der Masse abhebt.

In der Schule war er aber eine Niete, so wie ich. Wir wussten beide nicht, wie man lernt, also haben wir auf dicke Hose gemacht und die Raudis gespielt. Lesen, Schreiben, Rechnen – na ja, das ging, aber eher schlecht als recht. Mit der Zeit wurde es für mich besser, aber nur, weil ich heimlich und gegen seinen Willen mehr geübt habe. Egon war nie so weit, mir da Recht zu geben oder sogar seine Fehler zuzugeben. Sein Motto war und ist: „Einmal den Anschluss verloren, heißt neue Wege suchen, nicht zurückschauen; die Genies sind unfehlbar.“ Er hält sich wirklich für einen und in dieser Hinsicht ist die Lage aussichtslos; er ist und bleibt einfach unverbesserlich.

Während der Pubertät hat er immer den schönsten Mädchen den Hof gemacht, und so bin auch ich mit den schönsten ausgegangen. Leider haben die Beziehungen bei ihm und auch bei mir nicht lange bestanden. Keine der jungen Frauen war ihm gut genug, und auch ich habe mich immer von der Unzufriedenheit anstecken lassen. Nachträglich habe ich oft mein Verhalten bereut, aber es war meist zu spät, um irgendwas zu retten.

Mit dem Alter wurde ich ruhiger, Egon aber nicht. Und so kam es, dass wir uns seltener trafen. Seine Ideen waren für mich auch nicht mehr so interessant, deshalb sprach er nicht mehr oft darüber. Eine Zeit lang, während meiner Herzkrankheit und dem Aufenthalt im Krankenhaus, ist er ganz aus meinem Leben verschwunden. Er hat weder etwas geschrieben noch sich telefonisch gemeldet. Er war einfach nur weg. Mit Sorgen und Leid kann er nicht umgehen. Das war schon in der Kindheit so. Er wird dann aggressiv und beleidigend. Wobei seine Wut kein richtiges Ziel hat oder sich gegen eine Person richtet, sondern gegen die ganze Welt. In solchen Situationen läuft er einfach weg, geht saufen oder nimmt Drogen, verreist in ferne Länder. Im Grunde habe ich keine Ahnung, was er da macht, weil er mir auch nach seiner Rückkehr nie erzählt, wo er war oder mit wem. Vielleicht ist das auch besser so.

Von meiner Seite: Ich liebe den Kerl und höre ihm gerne zu, auch oder vielleicht deshalb, weil seine Erzählungen und Ideen mich nicht mehr so stark beeinflussen wie früher. Er ist ein guter alter Freund, ein Bruder, für den ich immer da sein werde. Ich habe immer eine Flasche Wein und ein bisschen Kraut für ihn, und ab und an werden wir bestimmt noch durchbrennen und Blödsinn anstellen. Wir sind gemeinsam gealtert, wir haben immer noch die gleichen Vorlieben und sogar denselben Zahnarzt. Der kleine Unterschied liegt im Glauben. Seiner ist unerschütterlich, wie ein Granitfels; meiner ist verwittert wie Sandstein. Sein Glaube ist kantig und scharf wie in Kindertagen, unverändert schön und roh; meiner wurde rund, durch Krankheiten und Misserfolge gezeichnet, an manchen Stellen brüchig und löchrig. Wenn er mich besucht, gebe ich das aber gar nicht zu, dass ich im Zweifel bin. Dann spielen wir gemeinsam die Spiele der Sieger; dann sind wir beide glücklich wie schon immer. An solchen Tagen geben wir uns gegenseitig Kraft und teilen die Weisheiten, um nicht schon wieder an eine Wand zu landen. Sein neuestes Projekt heißt übrigens Australien und, oh Götter, ich mache das noch mit. Naja, ein Vernünftiger muss mitfahren; das ist wieder meine Rolle in dem Abenteuer. Zum Glück…

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