Jürgen; Dachgeschoss rechts
Der Jürgen ist ein ganz lieber Kerl, ging Christa durch den Kopf; er hat eben nur ein paar Macken, und eine davon sind seine Rituale. So wie er Christa einmal erzählt hatte, setzte er sich nackt, nur mit einer langen Robe oder einem Lendenschurz bekleidet, auf einen niedrigen Hocker und meditiert. Da er aber nicht von außen abgelenkt werden möchte und um alles zu übertönen — inklusive seiner Gedanken — stellt er seine Stereoanlage ziemlich laut auf. Natürlich beschwerten sich die Nachbarn sofort, dass das so nicht gehe, dass der Spinner dem ganzen Haus seine Religion aufzwänge. Dann erwischte ihn Christa in einer ruhigen Stunde und erklärte ihm wie einem kleinen Jungen, dass die Nachbarn durchaus ein Recht auf ihre Morgenruhe hätten. Sie war ja auch selbst betroffen. Wer will schon um sechs Uhr morgens durch einen Rinpoche geweckt werden? Vor allem nicht, wenn er gerade von der Nachtschicht kommt. Da sie gerade ein Fünfjähriges zu Hause hatte, fiel es ihr nicht schwer, dem eingefleischten Sonderling in geeignetem Ton zu erklären, wo das Problem liegt. „Der Kostbare“ Jürgen sah das tatsächlich ein, recherchierte, beobachtete nach alter Nachbarmanier das Wohnhaus, wer wann geht und wer wann kommt. Alles wurde anscheinend akribisch notiert, und er passte sein Verhalten den Gepflogenheiten des Hauses an. Ein Zeitplan wurde erstellt, nach dem er sich jetzt sehr diszipliniert richtet.
Das Morgengebet wird weiterhin abgehalten, aber nur mit Kopfhörern. Am Mittag jedoch, wenn die meisten Mieter unterwegs sind, lässt der „Suchende“ auch die Außenwelt an seinem Weg teilhaben und dreht die Lautsprecher voll auf. Man kann es aushalten, es ist kein Thrash Metal. Abgesehen davon ist nach etwa einer Viertelstunde der Spuk vorbei, und es herrscht wieder eine angenehme Ruhe im Haus.
Jürgen ist ein pensionierter Gymnasiallehrer, der anscheinend irgendwann in seinem Leben „falsch abgebogen“ und zu einem Original geworden ist. Nach Christas Kenntnis führte er früher ein ganz normales Leben. Er stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Bankdirektor einer Bankfiliale im Ort, und die Mutter, trotz ihres Hochschulabschlusses in Kunstgeschichte, war Hausfrau geblieben. Geschwister gibt es keine, und da die Eltern schon vor langer Zeit gegangen sind, blieb Jürgen allein. Ob er jemals eine Frau hatte, wusste sie nicht. Die vorsichtigen Fragen über sein Liebesleben blieben unerhört.
Jürgen saß nackt auf einem Holzschemel, die Augen geschlossen. Die Handgelenke ruhten auf den Knien, und die Finger der offenen Hände zeigten nach oben. Sie waren makellos, sehr gepflegt und wiesen keine Anzeichen körperlicher Arbeit auf. Sein Körper war eher dünn mit einem kleinen Bauchansatz, wie das bei älteren Männern üblich ist. Dünne Beine, im Schneidersitz vor dem Hocker gekreuzt, wirkten ein wenig zu lang und erinnerten an einen unterernährten Weberknecht.
Der wiederholende Gong ertönte erneut und vibrierte durch das ganze Zimmer. Er verhallte nur sehr langsam, mündete aber nicht in Stille, sondern blieb in der zitternden Luft fast unhörbar bestehen, bis der nächste Schlag den Raum erfüllte. Die Mönche sangen mit tiefen Stimmen ein Mantra. Chor und Musik wechselten fließend ineinander und ließen keinen Raum für Stille.
„Früher“, dachte Jürgen, „fiel ich sofort in Trance und kam dem Göttlichen nah, aber seit geraumer Zeit funktioniert das nicht mehr.“ Jetzt kamen ihm nur Vulgärismen und Gewaltszenen in den Sinn. Selbst das Zählen im Geiste schaffte nur kurze Abhilfe. Langsam schlossen sich die Handflächen und bildeten zwei Fäuste; die Knöchel wurden weiß, und die Fingernägel bohrten sich gefährlich in die Handmulden. Rote Halbringe bildeten sich dort, wo die Nägel in die Haut schnitten. Die Augenlider öffneten sich langsam, und die Augen starrten reglos, grau, die gegenüberliegende Wand an. Eine Traurigkeit lag in ihnen, und da sie sich nicht bewegten, auch eine Art Hilflosigkeit. „Wo ist die Erleuchtung hingegangen?“, dachte er. „Das Einzige, was ich jetzt empfinde, ist Scham über meine Nacktheit — Scham und Wut. Wut, dass ich mich für meinen Körper schäme, statt mich an ihm zu erfreuen.“
Er stand auf und ging ins Schlafzimmer, um sich etwas anzuziehen. Die Wahl fiel auf eine Jogginghose, die ihre schnellsten Runden in der Waschmaschine gedreht hatte, und ein T Shirt mit einem Aufdruck. Leider nicht mehr lesbar. Auf sein äußeres Erscheinungsbild legte Jürgen seit dem vorzeitigem Ausscheiden aus dem Berufsleben nicht mehr viel Wert.
Er konnte sich nicht entscheiden, ob er weinen oder schreien möchte. Er ging zu seiner altmodischen Stereoanlage hin und schaltete sie aus. Die Stille kam so abrupt über die Räume, dass es fast weh tat, nach wenigen Sekunden fing es in seinen Ohren zu summen an. Ratlosigkeit machte ihn träge. Um irgendetwas zu machen, öffnete er alle Fenster in der Wohnung, blieb an einem stehen und schaute die Birke vor dem Haus an. Der Baum zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Mit seiner Rinde und den verschieden gefärbten Blättern bildete er einen Anker in eine Welt, die jeglichen Sinn zu verloren zu haben schien. Der leichte Wind spielte, raschelte, und so manches Blatt ließ zu Boden sinken. „Was ist passiert, dass sich alles verändert hat?“ — ging Jürgen durch den Kopf. Keine Antworten, nur das Pfeifen im Ohr.
Unter der Birke gingen zwei kleine Jungen die Straße entlang. Der eine war ein bisschen rundlich und kleiner als der andere. Der größere war dünn und hatte eine Afrofrisur, wirkte auch älter als der kleine Dicke. Anscheinend gab es viel zu sagen zwischen den beiden, denn der Jüngere hatte etwas sehr Lebhaftes dem Älteren erzählt. Mit fast noch piepsender Stimme und vielen Gesten floss die Geschichte nur so aus ihm heraus. Man konnte nicht hören, worum es ging; mit Sicherheit war es aber sehr wichtig für ihn es zu erzählen. Der Größere schwieg und gab nur ab und an ein paar Silben von sich.
Da kamen wieder die Erinnerungen hoch — an seinen einzigen Freund, Korbinian. Der war auch älter und größer als Jürgen, sehr dünn in seiner Statur. Er hatte damals eine Liebe für Kampfsport entdeckt und war fleißig dabei, zuhause zu trainieren. Das Üben bestand zum größten Teil aus Liegestützen und diversen Schattenboxschlägen, die er in seinem kleinen Zimmer einübte. Dem Korbinian war nie die Idee in den Kopf gekommen, in einen Sportklub zu gehen und richtig die eine oder andere Kampfkunst zu erlernen. Sein ganzes Wissen stammte aus den Filmen mit Bruce Lee und anderen Chuck Norris diese Welt. Sein Interesse galt auch Waffen und Militaria im Ganzen. „Er hatte immer Angst“, ging Jürgen durch den Kopf. Aber damals wusste das keiner von den beiden. Korbinian war sein Held, und er schaute immer zu ihm auf. So sportlich und so agil. Immer cool in seinem Auftreten, als ob ihm alles egal wäre, weil er jede Schwierigkeit zu seinem Vorteil verwandeln könnte. Eine perfekte Maske seit der jüngsten Kindheit, als er noch bei seinem Vater lebte. Aus Erzählungen von Korbinian wusste Jürgen, dass sein Vater trank und schnelle Hände zum Schlagen hatte. Die sehr schnell, vor allem gegen Korbinians Mutter, waren. Es brauchte nur einen geringen Vorwand, und schon flogen die Fäuste. Sie war eine gläubige Christin, und so etwas wie Scheidung existierte für sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Also ertrug sie schweigend die Pein und versuchte, so gut sie konnte, Korbinian aus der Schusslinie des Vaters zu nehmen.
Er selbst hatte gelernt, wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Still zu sein und in gewisser Hinsicht unsichtbar zu bleiben. Auch wenn man frontal angegriffen wird die Ruhe bewahren und nicht reagieren. Irgendwann fand seine Mutter den Mut, sich über die kirchlichen Gebote zu erheben und den Trunkenbold zu verlassen. Ihr Mut wurde mit einem netten Mann belohnt, der nur wenig trank und kein Schläger war. Vielleicht war das keine große Liebe, sie konnte aber wieder ruhiger schlafen und musste nicht mehr den ganzen Haushalt alleine finanzieren. Das Einzige Traurige an der Geschichte war, dass der neue Ehemann Korbinian nicht besonders mochte und ihre Beziehung lebenslang unterkühlt blieb. Korbinian hat auch in seinem neuen Zuhause, auch wenn dort keine Schläge drohten, das Verhalten beibehalten: sich unsichtbar zu machen, nicht aufzufallen, einfach für sich zu bleiben — zu überleben. Jeder neue Tag war ein Gewinn. Die Tage beschränkten sich für ihn eh meist nur auf Abende, denn beide Eltern hatten den ganzen Tag gearbeitet. Er hatte einen Hausschlüssel an einem langen Schnürsenkel um den Hals und war den ganzen Tag frei. Schule war nicht so sein Ding, es reichte auch nie für einen Abschluss. Viel besser fühlte er sich im Wald; dort war er frei. Also schwänzte er die Schule und war ständig unterwegs. Er kannte jede Furche auf den umliegenden Feldern und auch jeden Pfad in der Nachbarschaft.
Es war gut, einen so starken, kampferprobten Freund zu haben.
Die beiden mochten sich sehr, trotz der Tatsache, dass sie in völlig verschiedenen Universen lebten.
Korbinian hat im Stillen den Jürgen bewundert. Einen Jungen aus gutem Hause, bei dem die Mutter den ganzen Tag zu Hause war und sich um ihren Sohn kümmerte. Wo keine Angst vor Gewalt existierte. Es gab immer ein Mittagessen zu einer festen Zeit. Öfter auch Nachtisch und Limo.
Manchmal durfte Korbinian auch mitessen und ein paar Stunden in dem Haus verweilen.
Jürgen hatte auch immer Hilfe bei den Hausaufgaben und Unterstützung, wenn er sie brauchte.
Eine Stabilität, die im Leben von Korbinian nie vorhanden war.
„Die Kindheit war eine schöne Zeit“, dachte Jürgen. „Damals hatte ich noch Träume und den Glauben an die Welt, an mich. Ich wusste nicht, dass mein Zuhause eine Oase der Ruhe und des Friedens war. Nichts von dem tragischen Leben von Korbinian. Die Welt war in Ordnung.“ Erst Jahre später, in der Pubertät, kamen die ersten Anzeichen, die ersten Risse im perfekten Bild der Welt.
Die Schule flog nur so dahin. Es gab keine großen Herausforderungen. Dadurch, dass Jürgen in behüteten Verhältnissen aufwuchs, konnte er sich in seinem Tempo entwickeln.
Oft hat er mit seiner Mutter zeichnen und malen geübt. Sie unterrichtete ihn auch in Kunstgeschichte und schärfte seinen Blick für die Besonderheiten dieser Welt. Es war egal, ob sie mal durch die Stadt gingen oder durch den Park; sie hatte überall kleine und große Schätze gesehen und ihm aufgezeigt. Die Welt war voller unentdeckter Preziosen, die nur darauf warteten, aus dem Staub der Unsichtbarkeit gehoben zu werden. Diese Ausflüge waren unter anderem auch der Grund, warum sich Jürgen entschloss, Lehrer zu werden.
Er wollte den Übermaß an Schönheit, der ihm jeden Tag begegnete, mit der Menschheit teilen: es weitergeben, sich als würdiger Hüter der Schatzkammer erweisen und durch Teilen die Wunder der Welt mehren. Es war dieser naive Glaube an die Menschheit, dass, wenn er die ungezählten Perlen aus dem Meer der Unwissenheit ans Tageslicht holt und den jungen Geistern darlegt, die Welt besser wird.
Es kam endlich der Tag im September. Koffer gepackt und die ungeduldigen Füße endlich auf dem Weg in die Landeshauptstadt. WG, lernen, feiern, Studentenleben, einfach erwachen. Es war ein kühler Morgen, als der Jürgen das vertraute Heim verlassen hatte. Mutter und Vater verabschiedeten ihn in festlicher Kleidung vor dem Haus stehend. Die Stimmung war so erhoben, als ob er ins unbekannte Land hinter dem Ozean reisen sollte und nicht nach München in seine erste WG. Der stolze Vater blickte ihn ganz ernst an, und in Mutters Augen glaubte er Tränen zu sehen.
So begann die große Suche des jungen Prometheus nach dem Licht.
Dem Jürgen fröstelte plötzlich, und der forsche Wind holte ihn wieder ins Jetzt. Er schloss das Fenster und ging in die Küche. So viele Jahre sind seitdem vergangen. So viel ist passiert.
Das Studium verlief ganz unspektakulär, bis auf einen Abend im zweiten Semester. Jürgen war gerade fertig mit der ersten Prüfung, das Wetter war schön, und man bekam langsam den Frühling zu spüren. Da ergab sich einfach spontan eine Party in der Nachbarschaft. Solche Ereignisse haben den Zauber, sich zur Party des Jahrhunderts oder zumindest des Jahres zu entwickeln. Und so war es auch an diesem Abend. Jürgen war jung, unerfahren und hatte bis dato noch nie viel Alkohol getrunken. An diesem Abend aber floss der billige Wein in Strömen, und es schmeckte so gut.
Mit Gesang und Tanz ging es lange in die Nacht hinein und später in den Morgen. In der blauen Stunde ist es passiert. Die Augen waren tief, so schön, das Gesicht so zart, nah. Das Lachen laut und süß. Sie waren die letzten auf dem Küchenparkett, und irgendwie landeten sie im Bett. Zwei lustige Burschen in Feierlaune, befreit von elterlicher Obhut, von Moralvorstellungen, von Zwängen, zum ersten Mal so richtig betrunken, so richtig frei. Zärtliches Finale bis zur Leidenschaft und dem Sonnenaufgang. So fühlt es sich an, wenn einem die Flügel wachsen. Große, weise Flügel.
Als der Jürgen aufwachte, war Maurice nicht mehr an seiner Seite. Irgendwie machte das Jürgen traurig; er fühlte sich verraten. Er zog sich schnell an und ging in die Gemeinschaftsküche. Da war sein Liebster. Lachend, strahlend stand er vor der alten Kaffeemaschine und erzählte lauthals, wie sie es beide gerade „getrieben“ hatten. Seine Aussprache war sehr vulgär und primitiv und hatte nichts mehr von der Zärtlichkeit der Nacht in sich. Maurice drehte sich von den zwei Anwesenden weg zu Jürgen und sagte: „Hey, Süßer, nichts für ungut, gell, aber ich bin ein Hetero, gell, ich stehe auf Muschis. Du hast zwar keine, du bist aber eine. Hee hee. War aber ein recht geiler Abend.“ Er trank aus seinem Becher und drehte sich zu den zwei Fremden um.
Jürgen wusste nicht, was er sagen sollte und ob ihm überhaupt die Worte bekannt waren, die beschreiben konnten, was er gerade verspürte. Er fühlte, wie die Flügel sich langsam unter innerem Schmerz von seinen Schulterblättern lösten und einer nach dem anderen zu Boden fielen. Er spürte, wie das Blut hinunter zu seinen Lenden floss, wie die klebrige Flüssigkeit seinen Po und die Beine hinunterrann. Sein Blick, immer noch auf Maurice gerichtet, glaubte er, in einer Blutlache zu stehen, in der gleichzeitig seine weißen Flügel sich erst rot, dann schwarz färbten und als knorrige, verdrehte Stummel auf dem Boden zu unregelmäßigen Brocken zerfielen. Eine Ewigkeit von einem Atemzug später entblößte er seine Zähne in einer Grimasse, die nur schwer als Lächeln gedeutet werden konnte, sprach etwas über billigen Wein, holte sich einen Becher Kaffee und verschwand wieder in Maurices Zimmer, nur um seine Sachen zu nehmen und die WG zu verlassen.
Nach diesem Tag hatte er Maurice nie wieder gesehen; es war auch die einzige Party, die er in seiner Studentenzeit besucht hatte. Ab dem Tag trank er auch fast nie Alkohol, nur zu besonderen Anlässen, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
Er ging durch die ganze Wohnung und schloss nacheinander alle Fenster. Nur das eine in der Küche blieb einen Spalt offen. Trotzdessen, dass er bereits seit mehreren Jahren in Pension war, fiel es ihm immer noch schwer, den Tag ohne seine geliebte Arbeit als Lehrer zu gestalten. Immer noch stand er um 06:00 Uhr auf, machte sein Bett und trank Kaffee. Am Anfang seiner Pensionszeit ging er auch um Viertel vor sieben aus dem Haus, nur um eine Runde um den Block spazieren zu gehen. Manchmal schaute er beim Bäcker vorbei, kaufte ein süßes Gebäck und schlenderte nach Hause. Mit der Zeit ließ er das, weil sein Bauch merklich üppiger geworden war.
Seine frühere Pensionierung hat er der Zeitenwende und dem Umstand zu verdanken, dass auf seinem Schreibtisch im Lehrsaal immer die altmodischen, schweren Bücher lagen.
Jürgen war immer sehr diszipliniert; das hat er von seinem Vater geerbt. Der Herr Bankdirektor, der immer darauf bestand, sich nach außen bescheidener zu geben, hatte ein Regelwerk, an dem er auch in den schwierigsten Zeiten festgehalten hatte. So hat auch Jürgen sich eines zugelegt. Man kann auch sagen, dass die beiden Herren über die Zeit von ihren Regeln und Bräuchen getragen wurden. „Disziplin ist das Rückgrat des Mannes“ war das Motto, das wahrscheinlich noch vom Urgroßvater stammte. Aber die Zeiten ändern sich, und so auch die Schüler im Gymnasium. Dass man als Lehrmeister nicht mehr so viel Respekt bekam, musste man verkraften. Dass ein älterer und erfahrener Lehrer wie ein Kumpel mit geringer Schätzung und verbalen Frechheiten tagtäglich konfrontiert wurde, war schon schwer genug zu ertragen. Als jedoch eines Tages ein besonders freches Exemplar neureicher Jugend, im Anflug von Mut oder falsch interpretiertem Selbstvertrauen, die Sachen vom Lehrerschreibtisch herunterstieß, war für Jürgen allerhand Maß überschritten.
Die Auseinandersetzung im genauen Ablauf ist in Jürgens Gedächtnis bereits verblasst, aber die Tatsache, dass der Junge nach einem Schlag auf den Kopf mit einem Bildband über das Kaukasusgebirge zu Boden ging und wie ein Sack Kartoffeln unter der Tafel reglos liegen blieb, war noch sehr gut präsent. In dem Klassenraum, wo meist relativ hoher Pegel an Lärm herrschte, war es auf einmal totenstill. Das war das erste Mal, dass Jürgen die Nerven verlor. Nach einem langen Gespräch mit Herrn Akles, dem Schulleiter, sind beide zu dem Konsens gekommen, dass eine erst mal vorübergehende Abwesenheit des Lehrers in der Schule vorteilhaft sein könnte. Leider war das auch sein letzter Arbeitstag in der Schule. Auch der erfahrene Schuldirektor konnte nichts gegen zum Teil berechtigte Einwände gegen einen „aggressiven“ und „brutalen Schläger“, wie Jürgen von den Eltern des Jungen bezeichnet worden war, ausrichten. Nach der Unterredung mit der Schulleitung und den Eltern des Jungen und dem Umstand, dass Jürgen sich entschieden geweigert hatte, sich bei dem Bub zu entschuldigen, wurde er vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Ganz nebenbei wusste Jürgen aus den Erzählungen von Kollegen, dass die Macht der Bücher gesiegt hatte. Nach dem kräftigen Schlag schrumpfte das Ego des Jungen merklich, und er fiel nie mehr durch Arroganz oder Fehlverhalten auf. Nichtsdestotrotz war das ein großer Verlust für Jürgen. Nicht finanziell, weil er in der Hinsicht keine Einbußen hinnehmen musste; er verlor aber seine liebste Beschäftigung. Auch die Tatsache, dass „Säue sich nicht an Perlen erfreuen können“ ihn nicht vertröstete, wobei er diesen Gedanken selbst als überheblich und arrogant empfand. Bei der Zeitenwende müssen die Alten, die nicht in der Lage sind, sich anzupassen, gehen. Es kommen Jüngere, weniger empfindliche, vielleicht weniger oder anders engagierte, mit neuen Ideen und flexiblerem Nervengerüst. Der Kumpel Typ Lehrer eben. Ab und an stieß dieser Vorfall Jürgen immer noch bitter auf; es war aber nichts zu machen. Die jahrelange Disziplin und festen Überzeugungen erlaubten keinen Kniefall vor der frechen, puren Arroganz.
Generationskorsett eben.
Was macht man, wenn einem plötzlich so viel Zeit zur Verfügung steht? Bereits nach zwei Wochen zu Hause kannte Jürgen fast alle Spazierwege und Pfade in der Nachbarschaft. Er befasste sich gleichzeitig mit Social Media und war ein aktiver Mitleser in vielen Foren. Vor allem die alternativen und spirituellen Foren hatten es ihm angetan. Er, ein pragmatischer, ordentlicher Bürger im römisch katholischen Geiste erzogen, mit konservativen Werten, fand dank seiner Impulsivität den Weg zu spirituellen Praktiken. Vielleicht war das der eigentliche Grund für die ausgebrochene Aggression. Ein wenig bange nach dem Vorfall war dem Jürgen aber schon. Er hatte sein ganzes Leben lang keinen einzigen Wutausbruch gehabt und wusste gar nicht, dass er zu Gewalt gegen Mitmenschen fähig war. Nach genauer Überlegung und Analyse des Vorfalls stufte er das für sich selbst als einen Einzelfall ein, der sich höchstwahrscheinlich nie mehr wiederholen würde. Die regelmäßigen Meditationsübungen gaben ihm wieder Richtung und Struktur. Seine Vorliebe für Ordnung und Disziplin fand wieder Heimat. Doch seit Neustem funktionierte das nicht mehr so gut wie früher. „Anscheinend komme ich langsam an einen neuen Abschnitt heran“, sagte er laut. „Wie gerne würde ich das mit Korbinian teilen; er war immer ein guter Zuhörer gewesen.“
So ziemlich zeitgleich, als Jürgen mit dem Abi fertig war, ging Korbinian zum Bund. Nach seinen eigenen Erzählungen fand er sich dort sehr schnell und war eine Zeit lang glücklich. Es war die geregelte Tagesordnung mit Übungen, die er gut bewältigen konnte, regelmäßigen Mahlzeiten und viel Draußensein, die ihm so gefiel. Er wollte auch den Dienst verlängern und als Berufssoldat im Dienst bleiben, aber hier rächte sich das Schwänzen der Schule. Man machte ihm klar, dass es auf Zeit gutgehen könnte, aber spätestens nach fünf Jahren würde er entlassen. Es gab keine schulische Basis für Weiterbildung. Das kränkte ihn, verletzte sein Ego, und statt die fünf Jahre mitzunehmen, verließ er regulär den Dienst. Wieder im Zivilleben war es schwer für Korbinian, eine Arbeit zu finden. Ohne jeglichen Abschluss und Ausbildung konnte er nichts vorweisen. Also heuerte er bei einer Sicherheitsfirma an und war als Türsteher vor diversen Clubs anzutreffen. Der Job brachte nicht den gewünschten Lohn, also schaute er sich nach einem Nebeneinkommen um und fand etwas, das nicht so ganz konventionell war: eine Gruppe Kerle wie er — jung, stark, ambitioniert und ohne Perspektiven. Sie kauften beim lokalen Mafia kiloweise Drogen und dealten auf eigene Rechnung. Die Stimmung war gut in dem Verein, die Kasse stimmte, man war am Expandieren. Eine schöne Zeit war das, hat er später erzählt. Aber leider ging es rapide zu Ende, als ein Stammkunde plötzlich nicht mehr zahlen konnte oder wollte und es hart auf hart kam. Der säumige Zahler wurde mit mehreren Brüchen unter sein eigenes Sofa getreten und landete schließlich im Krankenhaus. Eine Woche später war Korbinian samt übrigen Verdächtigen in Untersuchungshaft. Er bekam fünf Jahre und wurde nach drei wegen guter Führung entlassen. Wieder in der Freiheit war er ein gebrochener Mann, ohne Plan und Hoffnung. Er hat sich nie wiedergefunden. Der Alkohol wurde zum ständigen Begleiter, und irgendwann beendete ein Straßenbahnunfall das kurze Leben dieses guten Menschen. Seitdem hatte Jürgen keinen nahen Freund. Es gab natürlich Bekanntschaften, die mal lockerer, mal ein bisschen enger waren. Aber durch die im Studium erlebte Enttäuschung ließ Jürgen keinen Menschen an sich heran.
Sein Magen knurrte laut und erinnerte ihn daran, dass es langsam Zeit für ein Mittagessen war. Jetzt war schon fast dreizehn Uhr vorbei, und er hatte heute noch nichts gegessen. Beim Blick in den Kühlschrank sagte er laut zu sich selbst: „Aha, da war was. Ich wollte doch gestern einkaufen.“ Ein weiterer Blick in den Spiegel verriet ihm, dass erst rasieren und ordentliches Anziehen angebracht wären, aber darauf verzichtete er im Augenblick. „Schließlich hat man einen langen Mantel und eine Mütze“, dachte er laut. Er schnappte sich eine Tasche, den Geldbeutel und die Schlüssel und war schon im Flur.
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