Der erste Flug

Es ist Montag, der 15.12.2015. Ein nebliger Tag, ziemlich kühl. Mein erster Urlaubstag.

Die Rücksäcke sind gepackt und liegen im Wohnzimmer. Blumen sind bei Angela, meiner netten Nachbarin, die sie über meine Abwesenheit pflegen wird. Der Kühlschrank ist leer, bis auf ein paar Scheiben Tilsiter und ein Becher Frischkäse, die fahren noch mit.

Die Kaffeemaschine macht, was sie am besten kann, und das Aroma zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Ich mache es wie mir einmal ein ostpolnischer Bauer empfohlen hat. Er hieß Jan Borsuk, auf Deutsch wäre sein Name Hans Dachs, ohne Witz. Ich habe ihn nur einmal gesehen, aber er ist mir gut im Gedächtnis geblieben. Der Mann hatte etwas in sich, was mich tief berührt hat. Eine Energie, eine Art primitiver Lebens Freude, Bejahung des Lebens. Er trug ein Licht der Mutter Erde in sich. Er war in der Nähe der weißrussischen Grenze ansässig. Möge er lange und gesund leben.

Auf jeden Fall hat er damals gesagt: „Adam, wenn du in der Früh Kraft brauchst, mach dir einen Kaffee, süße ihn mit Honig und tue noch ein Stück Butter hinein. Danach kannst du bis Mittag auf dem Trecker sitzen und musst erst nach 12:00 Uhr essen.“

Also trinke ich jetzt einen Borsuk/Dachs-Kaffee und danke ihm kurz in meinen Gedanken. Ich habe heute sehr gut geschlafen, bin erfrischt und klar aufgewacht. Ich fühle keine Spur von Nervosität oder Stress.

Ich genieße die kalte Dusche, wer weiß, wann die nächste kommt. Da, wo ich hin fahre, wird es warm, bestimmt an manchen Tagen sogar heiß. Und auf jeden Fall wird mein Badezimmer dort nicht sein. Kurz die grauen Stolperhaare abrasieren, damit sich die Emigrant Agenten nicht an meiner Erscheinung stören, und dann kann es schon losgehen.

Wie öfter in solchen Situationen fange ich an zu putzen, damit das Nest sauber bleibt. Wer weiß, wann und wer als Erster hier reingeht. Ich lasse mir noch einen Iso-Becher voll Kaffee raus, jetzt passt alles. Die Tüte mit dem restlichen Hausmüll raus bringen und in den Container tragen.

Draußen steht schon die Bestie und wartet geduldig. Pünktlich wie die Maurer, der Gute. Die Bestie ist mein bester Freund, Andreas; er hat sich heute die Zeit genommen, mich nach München zum Franz-Josef-Flughafen zu fahren. Der beste Mann im Inntal.

Auf der Autobahn ist normaler Verkehr, nur dass der Andi nicht zu schnell fahren kann; denn immer, wenn er die Spur wechseln will, kommt ihn jemand mit derselben Idee in die Quere. Kein Problem, wir haben genügend Zeit; der Flieger geht erst um 13:30. Es ist kurz nach 10:00, alles easy.

Kurz nach elf sind wir da. „Kiss and fly, mein Freund, ich werde dich sehr vermissen. Bis bald.“

 

Tasche null, Rucksack eins und Rucksack zwei, auf geht’s, das Abenteuer beginnt.

Den Check-in habe ich bereits am Vorabend erledigt, also geht es jetzt zur Gepäckaufgabe und zum Sicherheitscheck. Geduld ist angesagt, denn viele wollen vor Weihnachten in warme Länder fliehen. Die Schlange (die beste deutsche Eigenschaft; geduldig Schlange stehen) ist nicht so lange, es reicht gerade für ein tolles Line Dance Video, das die Kati gerade gepostet hat. Die Nummer eins wurde mit Banderole und Namen beklebt, passt leider nicht so recht aufs Band. Glück muss man haben, ich soll es zum Sperrgepäck bringen. Kein Problem, danke schön.

Die Nummer eins ist ein Taucherrucksack, der gefühlt auch ein Schlauchboot beherbergen könnte. Da aber die Airline in der Holzklasse nur 23 Kilo erlaubt, ist er zu einem Viertel leer. Dank der netten schmalen Gepäckbänder wird er jetzt voll. Die Nummer zwei freut sich und mein Rücken auch.

Schnell etwas umgepackt und ab zum Sperrgepäck-Schalter. Keine Probleme, netter Mitarbeiter. Danke. Vor lauter Freude habe ich vergessen, die Schuhe zu wechseln und werde in den schweren Wanderschuhen fliegen müssen. Tja, das geht noch. Ich kann ja die Schuhe ausziehen; dann haben auch die weiter von mir sitzenden Reisenden etwas davon. Ich bin so voll von Gefühlen, dass ich den Wechsel zwischen Lachen und Weinen in Sekundentakt durchfahre. Ich bin doch aufgeregt. Bin doch nicht so cool wie die Fassade aussieht. Unter der Brainpold Mütze brodelt es. Gott sei Dank läuft da oben nur leichte Unterhaltung, viele bunte Bilder, die im ständigen Wechsel sind, kein Horror. Na ja, fast, ich denke schon an Oreschnik. Scheiß drauf, es kommt, wie es kommt; das ist der Weg. Den gehe ich.

Sicherheitscheck, Null und Eins auf dem Band, Jacke, Gürtel, Pass, Bordkarten, ab durch die Schranke. Rot. Tasche leeren, Hände hoch. Der Klassiker, Hausschlüssel. Aber es geht auch weiter, die Taschentücher aus der Gesäßtasche werden begutachtet. Dann kommt noch ein Holzlöffel und ein Rosenkranz, frag nicht, Mann wird älter. Der Holzlöffel? Keine Ahnung, der wollte einfach mit. Ist von der Tochter von Bauer Dachs, eine ganz alte Geschichte, aber immer noch wird mir warm ums Herz, wenn ich daran denke. Ok, es geht weiter. Wo ist das Gate H – 18?

Wandern ist des Müllers Lust, das Waaandern.

Gate gefunden, Tür zu, kein Eingang ins Passagierbereich. Wurst, werde heute noch genug auf dem Arsch sitzen, das Stehen tut mir auch gut. Ein bisschen in die Hocke gehen, ein paar Übungen für die Waden. Bisschen Beine strecken, alles gut. Tür auf, wir gehen rein. Wieder warten. Ein erstes schönes Mädchen stellt sich zu mir, wir schweigen gemeinsam, es ist nett.

Das Gate wird geöffnet, Boarding beginnt. Schlange stehen, ins Flugzeug gehen, Schlange stehen, im Flugzeug stehen, Gänsemarsch zum Sitzplatz. Ein zweites schönes Mädchen, Sitznachbarin, Panik in ihren Augen ist amüsant. Anscheinend sehe ich immer noch erschreckend gut aus, wird schon, ich habe gerade keinen Hunger. Wir schweigen nett zusammen und ich merke, wie sich die Dame neben mir entspannt. Sie merkt schon, dass sie heute nicht verschlungen wird, nicht von mir und wahrscheinlich von keinem anderen, denn der Flug geht über Nacht nach Bangkok. Kein Anbaggern, kein Smalltalk, einfach in einer Reihe sitzen und freundlich lächeln. Das reicht und ist das, was die meisten Menschen nicht mehr drauf haben. Man muss nicht immer quatschen und sich gegenseitig unterhalten oder auf den Keks gehen. Sie hat ein nettes Lächeln, ist eine Thailänderin, gut angezogen, stilvoll, aber nichts Übertriebenes. Ihre Kleidung ist in beige gehalten, ruhige Farben, keine Plastiknägel. Ein älteres iPhone im Glitzer-Etui und eine neue Tasche in zum Outfit passenden Farben machen das Bild vollständig. Leider trübt das Gesamtbild der Nachbar auf der anderen Seite von mir, ich sitze in der Mitte. Der Mann zu meiner rechten verströmt einen intensiven Geruch, der an mangelnde Hygiene denken lässt. Tja, es kann doch nicht alles perfekt sein, oder? Ich muss an meine Wanderstiefel denken und irgendwie entspannt mich das.

Boarding completed, ertönt aus den Lautsprechern, es geht los. Wir werden durch einen Pusher aus der Bucht raus geschoben und wenden zur Landebahn. Alles Profis, kaum sind wir in Bewegung, schon sind wir in der Luft. 14:00 Uhr, die Sonne über den Wolken. Das Leben ist schön, leider wissen das nicht alle, schade.

Nach zwei Stunden Flug kommt die erste Mahlzeit, das Mittagessen. Ich habe von meinem Sohn gehört, dass in der Thai-Airline gut gekocht wird. Man kann es essen, so ist es nicht, aber vielleicht steigern sie sich noch. Alternativen gibt es keine.

Ich habe die Mediathek durchgeschaut und bleibe bei meiner Musik, Kopfhörer sind ein Segen.

Der Flug ist ruhig, ich mache einen kleinen Spaziergang zur Toilette, danach zur Bar und hole mir etwas zu trinken und eine Banane. Danach merke ich, dass ich doch zu wenig trinke, also noch ein Wasser nachbestellen. Sechs Stunden vorbei, nur noch fünf bis Bangkok. Ich entspanne mich weiter. Wir fliegen über Rumänien zum Schwarzen Meer, der Ukraine-Luftraum ist gesperrt, danke. Wir queren das Schwarze Meer und sind über der Türkei, dann die Bergkarabach-Region, nächstes Feuer. Kaspisches Meer, Iran, nächstes Feuer. Pakistan-Indien-Grenze, nächstes Feuer. Indien bei Nacht, so viele Dörfer. Ich glaube, das ganze Subkontinent ist ein Dorf. Unzählige kleine Lämpchen, jede so klein wie eine Nadelspitze. Dunkelheit in der Bucht von Kalkutta. Thailand in Sicht und das nächste Feuer an der Grenze zu Kambodscha, aber das ist weiter östlich.

Momentan brauchst du als Flugzeugpilot keine Karte, kein Kompass. Du fliegst einfach vom Brandherd zum Brandherd, von Feuer zu Feuer. Egoismus und Gier auf dem Vormarsch. Aber anscheinend sehen das nur wenige; hoffentlich bin ich nicht allein.

Irgendwann kommt das Dinner für 300. Der Airbus ist voll. Na ja, über Geschmack soll man nicht streiten; ich lasse das noch unkommentiert. Vielleicht ist das nur Zufall, dass es mir nicht so gut schmeckt. Schauen wir, was es im Anschlussflug serviert wird.

Bangkok in Sicht, es kommt auf sechs zu, Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen. Ich habe nicht geschlafen, schlecht gegessen und zu wenig getrunken. Aber ich habe keinen geschubst und wurde nicht aggressiv und deswegen auch nicht durch die Security rausgeworfen. Ich kann mich doch benehmen, schaut alle hin. Bravo ich…

Reisender57

 

Hallo meine Lieben, da ich bald ins Land fahre und nicht weißt wie die Stromversorgung und Handyempfang wird, bitte ich um Nachsicht wenn die Beiträge nicht regelmäßig kommen. Spätestens ab März hole ich das nach.

Danke Euch und bleibt bei mir. Kiss & Drive

Keine Kommentare

Schreib was dazu!

eins + 20 =