Der Herzen Sammler

Auf dem Weg vom Parkplatz ins Büro stolperte ich darüber. Da musste ich erst mal staunen. Fragen gingen mir durch den Kopf: Wer hat es verloren, wird es jetzt vermissen, oder wollte es nicht mehr haben und hat es weggeworfen?

Ein kleines, rotes Herz mit Vergangenheit, mit Geschichte.

Ich ging in die Hocke, um es aus der Nähe zu betrachten und sah, dass es Narben und Verletzungen trägt. Die alte Zeit ist ins Land gegangen und hat seine Spuren auf ihn hinterlassen. Jede kleine Furche ist ein Erlebnis, eine Begegnung, eine Trennung vielleicht. Ein geplatzter Traum oder eine Lektion, eine Enttäuschung, ein nicht aufgegangener Traum.

Möglich ist, dass es auf Reisen war. Durch Länder gereist und hat Ozeane überquert. Es hat, und das bin ich mir sicher, gut gedient und seine Arbeit immer vorbildlich gemacht. Es war ein Musterbeispiel im Rhythmus vorzugeben. Es hat alle Aufgaben eines Herzens erledigt und jetzt lag es hier. Im Dreck und Schmutz, nass vom Regen, mit Krümeln von Blättern bedeckt. Unsichtbar für die Fußgänger, von manchen mit den Schuhen getreten, unbeachtet unter fremden Steinen, auf Sand liegen geblieben. Selbst die Wiese war weit weg, kein Grashalm bot Schutz vor Regen oder Sonne. Frost hat es erfasst und mit weißen Kristallen überzogen. Es wartete alleine, bis etwas geschieht. Egal was. Es lag still da, ohne Puls.

Der Stillstand, wenn es ihn überhaupt gibt, ist aber der Anfang von allem.

Dann kam der Donnerstag und mit ihm der Moment. Ich ging vorbei und schaute nach unten, das Herz bewegte sich, es sprang mir entgegen. Ein kleines Tick nur, ein My an Bewegung, es hat gereicht, um es zu bemerken. Erst leicht erstaunt schaute ich herunter, dann ging ich in die Hocke und bewunderte es aus der Nähe. Was für ein Fund am frühen Morgen. Ein ganzes, kleines Herz, das mir zu Füßen liegt. Nur einen Augenblick habe ich gebraucht, um die Gelegenheit am Schopf zu packen. So etwas passiert ganz selten, da musste ich zugreifen und hob es auf. Da war es jetzt in meiner warmen Hand und fühlte sich sichtlich wohler als auf dem kalten Boden des Platzes. Anerkennend schaute ich die Narben an, es waren viele da. Das war ein kämpferisches Herz, das nicht so leicht aufgibt. Das hat man ihm gleich angesehen. An den Rändern leicht zerfranst, weil es sich wahrscheinlich viele Male teilen wollte, um überall mitwirken zu können. Aufgeweicht vom Schnee und Frost, doch immer noch taff und voller Wärme.

Ich nahm es mit mir, steckte es in die Tasche und trug es mit mir weg.

Als wir zu Hause angekommen waren, wusch ich es erst im warmen Wasser. Ein warmes Bad nach all den Strapazen, dem Stress, der Angst, tat ihm gut. Da entspannte sich das Kleine und ruhte sich erst mal aus. Angebetet in warmen Schichten meine Kleidung, sammelte Kräfte für ein zweites Leben.

Ich vergolde deine Narben, denn jede von ihnen bedeutet ein Sieg. Du hast überlebt, bist gewachsen.

Ich gebe dir wieder Blut, damit du in kräftigem Rot leuchten kannst. Damit man dich von weitem sehen und erkennen kann. Sei das Feuerzeichen für alle, die verloren sind. Brenne für Leidenschaft, Liebe und Freude. Schlage kräftig in deinem Rhythmus, das Echo soll mit deiner Stimme widerhallen.

Ich schenke dir die Sonne, damit deine Tage hell und warm sind. Damit dich wieder der Morgen erfreut und Kraft gibt, um das Neue zu erschaffen.

Ich gebe dir die saftigen Wiesen, damit du dich ausruhen kannst nach getaner Arbeit, wenn dir danach ist, und einen schattigen Platz unter einem alten Baum am warmen Sommertag.

Ich gebe dir das Blau des Himmels mit weißen Wolken darauf, damit du etwas zum Träumen hast. Es schaut sich so gut in den Firmament, wenn das Gras nach Blumen duftet und die Bienen summen.

Ich gebe dir ein Haus, in dem du dich zurückziehen kannst, wo Speisen gekocht werden. Wo Gleichgültigkeit und Arroganz keine Chance gegen das Feuer und die Wärme der Familie und Freunde haben. Wo gelacht wird und getanzt, wo Musik wohnt. Wo man füreinander da ist. Wo das sichere Bett steht. Ein Haus, wo man immer zurückkehren kann, wo die Tür für Dich immer offen bleibt.

Du sollst dich nicht mit Hoffnung nähren, dem schlimmsten aller Plagen.

Denn das alles ist schon für dich bereit. Ab jetzt brauchst du keine Angst zu haben, denn du bist das Vertrauen, die Liebe und die Macht. Du bist mir willkommen.

Sei einfach da, das ist genug.

 

Es hat sich rumgesprochen was passiert ist, und es kam das nächste des Weges

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