Emilia

Der Tag war sehr neblig. Alles wurde mit dicker Wate umhüllt, selbst die Töne schienen verschwunden zu sein. Eine scheinbar undurchdringliche weiße, an manchen Stellen graue Masse verschluckte die Häuser, Bäume und Menschen. Selbst die Geräusche schienen Mühe zu haben, durchzukommen. Die nahegelegene Straße flüsterte nur mit den Autoreifen, aber eher schüchtern, als ob sie beschämt wäre, die herbstliche Ruhe zu stören. Die Luft war frisch, nicht direkt kalt; denn die prickelnde Wirkung entfaltete sich erst in der Nase selbst und nicht auf der Haut. Als Kinder haben wir so gerne die Brause genascht, die so lustig auf der Zunge geprickelt hat, und dieses süße Gefühl stieg in die Nase auf. Das war der Erinnerung ähnlich. Durch das langsame, tiefe Einatmen kamen Bilder aus der Vergangenheit. Die graue Substanz der fliegenden, der Schwerkraft trotzenden mikroskopisch kleinen Wassertropfen formten sich in den in der Vergangenheit erlebten Momenten der Sorglosigkeit, das Lachen. Die Überraschungen des Sommers kamen noch einmal kurz vorbei, um an der Oberfläche aufzuleuchten und in die Vergessenheit zu entschwinden. Zurück in die Welt der Träume und Wünsche.

Circa hundert Meter vom Haus sah man erst die riesengroße Flamme, die die ganze Hausfassade zu dominieren vermochte. Ein monströser, stummer Feuerball. Vom Parterre bis hin zum Dachstuhl loderte in grellen Strahlen das Inferno. Die erste, und in dem Augenblick die einzige, Quelle der Farben. Eine Kampfansage an das Grau des herbstlichen Morgens. Eine in die Höhe schießende Fackel von acht oder zehn Metern, geräuschlos stiegen mit gelb-braun- und roten Zungen in der tonlosen Umgebung. In der Windstille unbeweglich, durch den Kontrast der Farben erzeugte Bewegung schien die Vorderseite des Hauses zu verzehren. Erst wenn man näher kam, erkannten die Augen den mächtigen weißen Stamm der Fackel und aus dem Feuer geboren stand eine schlanke Birke voll im Oktoberlaub direkt vor dem Haus. Die glatte, leicht knorrige Rinde entsprang einer braunen Pfütze aus verwelkten Blättern und schoss ins leicht bläulich werdende Himmel hoch. Vereinzelt nur mit schwarzen Flecken besprenkelt, wuchs der Baum empor, mit letzten Säften die feinen Blätter färbend, verabschiedete sich in den Winterschlaf. Die aufgehende Sonne intensivierte den beginnenden Tag mit goldenen Strahlen von der Spitze herunter.

Hinter den rechten Fenstern im Parterre schien sich auch das Nebel eingenistet zu haben, der im Gegensatz zu draußen nicht mit Birkenblättern, sondern mit kleinen bunten Vergissmeinnicht-Blumen geschmückt war. Auf der Fensterbank stehende Orchideen verstärkten die farbenfrohen Blümchen und dufteten leicht. Sie schwebten in alle Richtungen, nur leicht von dem Luftzug des gekippten Fensters geschaukelt. Eine, in seiner Form verspielte Gardinenstange verlieh dem dünnen Stoff der Gardine sanfte Wellen. Mal berührten die Wogen die Fensterbank, mal streiften sie das pastellfarbene Bett in eine Harmonie, die nur dem Wind vorbehalten ist. An der gegenüberliegenden Wand des Zimmers stand ein großer, in dem gleichen Ton gehaltener Schrank mit einem ovalen Spiegel mitten drin. Ein kleines Nachtkästchen und ein Schminktisch vervollständigten das Mobiliar. Auf dem flauschigen Bettvorleger stand ein Paar marokkanische Damenpantoffeln mit leichtem Absatz.

Im Schlafzimmer war angenehm warm und roch süß nach warmem Körper. Die Träume schienen noch nicht ganz den Raum zu verlassen, und Emilia genoss diesen schwerelosen Zustand zwischen dem Schlafen und wach sein. Wieder war ihr geliebter Arthur bei ihr. Sie konnte seinen Atem an der linken Wange spüren, seine Wärme strahlte auf sie an und machte sie beide zu einem Wesen. Ihre Hände folgten seinen, spielten mit den Haaren, gruben sich in die, mal fester, mal leichter ziehend, mal wieder sanft. Streichelten erst ihr Gesicht, die Züge nachzeichnend, die geschlossenen Augenlider, die schönen Lachfältchen, sie kamen leichter hervor, als sich die Mundwinkel in einem Lächeln, durch die Erinnerungen angeregt, hoben. Die Fingerkuppen reisten ganz sachte um die Nase, sanft kitzelnd um die Flügel und das süße, lachende Mund. Der Geschmack seiner Haut war so präsent, so vertraut. Ganz leicht, fast ohne es zu berühren, nur durch die Wärme liebkosen, glitten die Finger langsam über den seidenen Hals zu ihrer Brust und erforschten die vertrauten Rundungen, gierig saugte sie jede Berührung in sich auf und antwortete mit leichtem Zittern und reichte die Aufregung weiter an jede Zelle des Körpers, die mit Leben und Vitalität antworteten. Das Stillen des Fiebers heizte nur noch weiter das Verlangen. Die Hände reisten weiter zum Bauch, kreisten über den Bauch Nabel, um kurz darin zu verweilen. Einen Augenblick später, ganz schüchtern, fanden sie sich am Venushügel. In einer fast schmerzhaften Langsamkeit sanken die zarten Finger in die Blume hinein und wurden mit der Wärme der Joni empfangen.

Sie rollte sich zur Seite und zog die Knie zu der Brust. Zwei Tränen liefen ihr über die Wangen. Er fehlte so sehr. Es ist schon vier Jahre, seit Arthur gegangen ist, aber sie konnte schwören, dass er jeden Morgen bei ihr ist. Immer noch weckte er sie sanft, manchmal mit Küssen und manchmal, wie heute, mit Liebkosungen. Vierzig Jahre lang waren sie verheiratet, und nicht einmal hat er versäumt, sie am Morgen mit seiner Liebe in den Tag zu rufen.

Die rechte Träne war ihre Trauer. Der Verlust liegt immer noch schwer am Herzen, zehrt an ihm und bringt Zweifel, ob man wirklich alles richtig gemacht hat? Emilia hat sich schon so viele Male gefragt, ob sie wirklich alles gegeben hat, was sie Arthur geben wollte. Hat sie alles gesagt, was ihr am Herzen lag? Und die Antwort fiel immer gleich aus: Ja, das hat sie.

An der linken Wange floss die zweite Träne. Ein Tropfen der Dankbarkeit und Freude, dass sie so viel Gutes bekommen hat. Ein unermesslicher Schatz an Glück wurde ihr zuteil. Die allen harmonischen, ruhigen Jahre. Es war nicht immer alles rosig, aber sie waren immer zusammen. Der eine war für den anderen da, wie in dem Schwur, “ in guten wie in schlechten Zeiten“. Sie hatten eine gute Zeit.

Mit den Kindern hatte es nicht sein sollen. Das war sehr schwer für beide, es hat sie aber nur noch enger zusammengebracht. Er hat sie getragen über die Schwere des Schmerzes, und sie verlieh ihm die Flügel, um aus der Dunkelheit herauszukommen.

Es waren wundervolle, gemeinsame Momente, dafür war sie dankbar.

Die Krankheit kam auf leisen Sohlen. Erst war der Appetit weg, eigentlich nichts Ungewöhnliches. Er wollte eh ein paar Kilo abnehmen, also dachten die beiden nichts Böses. Dann war es plötzlich sehr viel weniger von ihm, bis er schließlich aussah wie ein junger, zierlicher Bub, der er mal mit 15 war. Es folgten Arztvisiten und Untersuchungen. Es stand relativ früh schon fest, dass es Krebs ist, und das Tragische oder vielleicht doch das Gute war, dass man die Ursache, den Ursprung nicht finden konnte. Es waren Metastasen im ganzen Körper vorhanden; es brannte überall. Jedes Organ war befallen. Es gab nichts, keine Hinweise oder Ideen, wo man die Therapie beginnen könnte. Es blieb nur abzuwarten und hoffen. Also taten sie das Beste daraus und lebten weiter, so gut es ging. Arthur war bis zum Letzt auch aktiv, hat ganz normal gelebt, geliebt, sich gefreut und zu Hause gearbeitet. Nur dass man aufgehört hat, die Pläne zu schmieden. Es gab nur heute.

Es kam der Tag, an dem das Aufstehen sehr schwer fiel; er kämpfte aber tapfer weiter.

Am Tag darauf konnte er nicht mehr sprechen und hatte starke Schmerzen im ganzen Körper.

Am nächsten Morgen ist er gegangen.

Beide waren auf diese Stunde schon vorbereitet, jeder auf seine Weise. Es war schon alles gesagt, sie wussten, dass sie sich trennen, dass beide stark sein müssen. Das waren sie.

Arthur ist an einem Samstagmorgen gestorben. Ganz leise ist er sanft zu Boden gesunken und nicht mehr aufgestanden. Keine Schreie, keine Tragödie, kein Rettungsdienst. Einfach gegangen. Die Sonne ging auf, die Vögel sangen, die Menschen gingen zum Bäcker. Es war ein ganz normaler Tag.

Dafür war sie auch dankbar, dass sie bis zum Schluss zusammen sein konnten. Die Zeit mit ihm war ein Segen, bis zum letzten Atemzug. Das Leben geht weiter und sie hatte seine Liebe behalten, ihre beider Kraft.

Sie streckte sich und ihr Blick fiel auf das blumenbedeckte Fenster. Durch die Gardinen sah sie die Sonne an der Spitze der Birke vor dem Haus. Heute wird ein wunderschöner Herbsttag, ein perfekter Tag für ein Mädchentreffen: Kaffee, Kuchen und Tratsch. Sie wischte sich die nassen Bäckchen mit dem Handrücken, warf die Bettdecke leicht zur Seite und richtete sich auf. Schwang langsam die Beine herunter zu den bunten Pantoffeln, schlüpfte hinein und stand auf. Auf dem Weg zum Bad schaltete sie ihren Stammsender ein und blieb abrupt stehen. Es lief ihr Lieblingslied, ein Lächeln huschte über ihre immer noch ein wenig nassen Wangen. Das Leben ist schön, dachte sie, kickte die Pantoffel weg und fing langsam an zu tanzen. Ihr zartrosa Nachthemd wurde jetzt zum Ballkleid, als sie sich um die eigene Achse langsam drehte. Mit leicht angehobenem Arm ließ sie sich von ihrem Traumpartner führen, Hals leicht nach hinten gestreckt, Kopf im Nacken, mit nur leicht offenen Augen, wirbelte sie in Richtung Badezimmer. Sie kicherte leise.

Kommentare (1)

  1. Andi
    11 Nov., 2025

    Wunderschön!

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